Systemrelevant, aber schlecht bezahlt: Was die "Corona-Heldinnen" verdienen

Eine Person wischt eine Schutzscheibe im Supermarkt ab

Systemrelevant, aber schlecht bezahlt: Was die "Corona-Heldinnen" verdienen

Von Jule Zentek und Felix Mannheim

  • In vielen systemrelevanten Berufen arbeiten überwiegend Frauen
  • Gleich qualifizierte Arbeit noch immer ungleich bezahlt
  • In Männerdomänen wird besser bezahlt
  • Gewerkschaften starten Kampagne zum Tag der Arbeit

Frauen halten die Gesellschaft gerade in vielen Bereichen am Laufen. Denn es sind überwiegend sie, die in "systemrelevanten" Berufen, wie in der Pflege, im Supermarkt oder in Kitas arbeiten. Dafür bekommen sie viel Applaus und Dank – aber wenig Gehalt.  

"Mache meine Arbeit nicht umsonst"

Farina Kerekes ist Verkäuferin in einer Drogerie in Essen und arbeitet eigentlich sechs Stunden am Tag. Seit Beginn der Corona-Krise ist sie jeden Tag zehn Stunden im Geschäft. "Viele Leute haben mich als Heldin bezeichnet, aber ich mache diese Arbeit nicht umsonst", sagt Kerekes.

Verkäuferin Farina Kerekes

Verkäuferin Farina Kerekes

Ihre Kritik: In ihrem Gehalt würden sich Anforderungen und Belastungen im Job nicht widerspiegeln. Deshalb hat Kerekes eine Petition gestartet: Sie fordert eine Aufwertung ihres Berufs – sowohl gesellschaftlich, als auch beim Lohnniveau. Auch die Gewerkschaften starten zum Tag der Arbeit eine Kampagne für mehr Anerkennung für die gerade "systemrelevanten" Berufsgruppen.

Gleiche Anforderungen, ungleicher Lohn

Eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen stützt die Forderung. Denn sie zeigt: Gleichwertige Arbeit wird noch immer ungleich bezahlt. Vor allem die Sorgeberufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, würden viel niedriger honoriert als vergleichbare Berufe in Handwerk und Industrie.

Die Forscher haben Berufe nach dem "Comparable Worth-Index" (CW-Index) verglichen. Mit ihm bewerten sie die Gesamtanforderung von Berufen nach Wissen und Können, physischen Anforderungen, psychosozialen Belastungen und Verantwortung. Ergebnis: Für den Einzelhandel liegt der CW-Index auf dem gleichen Niveau wie für die vergleichbare Männerdomäne der Hilfsarbeiter in der Metallindustrie.

In Männerdomänen wird besser bezahlt

Beim Gehalt gibt es aber große Unterschiede: Während der durchschnittliche Stundenlohn von Verkäuferinnen 2019 bei 12,77 Euro brutto lag, bekam der Hilfsarbeiter in der Metallindustrie knapp sieben Euro mehr pro Stunde.

Eine Krankenschwester hält die Hand einer Bewohnerin eines Pflegeheims

In der Altenpflege arbeiten überwiegend Frauen

Auch für die gerade so wichtigen Pflegekräfte gilt: zu niedriger Lohn für hohe Anforderung. So lag der durchschnittliche Stundenlohn von Pflegefachkräften bei 19,25 Euro brutto, während die vergleichbare Berufsgruppe der Elektro-Ingenieure mit 30,74 Euro brutto rund 60 Prozent mehr bekam.

Wer für Menschen sorgt, verdient weniger

"Verantwortung für Maschinen wird noch immer deutlich höher bewertet, als Verantwortung für Menschen", sagt die Soziologin Ute Klammer von der Uni Duisburg-Essen. Auch der hohe Frauenanteil in den Sorgeberufen sei ein Grund.

So arbeiteten 2019 vor allem Frauen in Einzelhandel (65 Prozent) und in der Pflege (75 Prozent). Mehr Männer gab es dafür bei den Hilfsarbeitern in der Metallindustrie (80 Prozent) und bei den Elektro-Ingenieuren (87 Prozent). "Es gibt die Einschätzung, dass ein Frauenberuf ein Zuverdiener-Beruf ist und keine Familie ernähren muss", sagt Klammer.

Tarifbindung statt Danke-Plakat

Verkäuferin Farina Kerekes ist politisch engagiert. Sie wünscht sich statt einem Danke von Politikern, dass sie endlich handeln und fordert eine gesetzlich verbindliche Tarifbindung für den Einzelhandel. Die Politik dürfe bei höheren Mindestlöhnen und Corona-Sonderboni außerdem nicht nur auf Pflegekräfte schauen.

Im Moment seien viele Stellen im Einzelhandel so niedrig bezahlt, dass es kaum zum Leben reiche. Kerekes sagt: "Viele meiner Kollegen haben einen zweiten Job." Sie werden beklatscht – aber fühlen sich unterbezahlt.

Stand: 01.05.2020, 16:25