NRW erhöht im Atomstreit Druck auf Belgien

NRW erhöht im Atomstreit Druck auf Belgien

Von Rainer Striewski

  • NRW-Umweltminister Remmel präsentiert Gutachen zum belgischen Atomausstieg
  • Tihange 2 und Doel 3 könnten demnach bis 2020 abgeschaltet werden
  • Komplettausstieg bis 2025 machbar - mit deutscher Hilfe

Es soll ein "erster konstruktiver Beitrag" des Landes NRW in der Debatte um die Abschaltung der umstrittenen belgischen Atommeiler Tihange 2 und Doel 3 sein: NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) hat ein Gutachten vorgestellt, das sich mit verschiedenen Atom-Ausstiegsszenarien Belgiens auseinandersetzt. Danach könnten die Atommeiler Tihange 2 und Doel 3 bis zum Jahr 2020 vom Netz gehen, ohne die Energieversorgung in Belgien zu gefährden.

Nach Berechnungen der von Remmel beauftragten Wissenschaftler müssten dafür aber die Strom-Importe und die Produktion der anderen Kraftwerke erhöht werden. Zudem müsste auch die für 2020 geplante Stromverbindung "Alegro" zwischen Deutschland und Belgien mit einer Kapazität von 1.000 Megawatt in Betrieb gehen. Unter diesen Bedingungen führe der Ausstieg "nicht zu einer systematischen Verschlechterung der Netzsicherheit", heißt es in dem Gutachten.

Komplettausstieg nicht vor 2025

Bislang hält Belgien am Betrieb der umstrittenen Atommeiler fest - zumindest bis 2025. Dann sollen alle sieben belgischen Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Einem Komplettausstieg bereits bis zum Jahr 2020 stehen die Wissenschaftler vom Büro für Energiewirtschaft und technische Planung (BET) und dem Institut für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft an der RWTH Aachen allerdings skeptisch gegenüber. Das vorzeitige Abschalten sämtlicher Atommeiler würde demnach zu einer "deutlichen Mehrbelastung" des belgischen Stromnetzes führen, die in kritischen Situationen die Versorgungssicherheit gefährden könnte.

Zweite Stromleitung nach Deutschland nötig

Der aktuell von Belgien geplante Komplettausstieg bis 2025 wäre eher "beherrschbar", allerdings müssten auch bis dahin noch weitere Gaskraftwerke ans Netz und eine zweite Stromleitung nach Deutschland in Betrieb gehen. Aber auch dann wäre die Situation nach Ansicht der Wissenschaftler weiterhin angespannt. Derzeit deckt Belgien mehr als die Hälfte seines Verbrauchs mit Atomstrom.

Klage in Brüssel

Die Landesregierung setzt sich schon lange für eine Stilllegung von Tihange 2 und Doel 3 ein. In den Anlagen sind vor einigen Jahren Haarrisse in den Reaktorbehältern entdeckt worden, seitdem sorgen sich Fachleute und Bevölkerung um die Sicherheit. Das aktuelle Gutachten ist nun ein Versuch von Umweltminister Remmel, über Berlin und Brüssel Druck auf Belgien auszuüben. Einige Städte und Gemeinden aus der Grenzregion haben zudem Ende des Jahres 2016 in Brüssel eine Klage gegen Tihange 2 auf den Weg gebracht.

Auch die Bundesregierung würde die Kraftwerke lieber heute als morgen abgeschaltet wissen, kann aber nur an die belgische Regierung appellieren. Immerhin haben Deutschland und Belgien im Dezember 2016 ein gemeinsames Atomabkommen unterzeichnet, das für einen besseren Austausch in Fragen der nuklearen Sicherheit sorgen soll.

Betreiber wirbt um Vertrauen

Der Betreiber der belgischen Kernkraftwerke Electrabel hat unterdessen einen mehr als 300 Maßnahmen umfassenden Aktionsplan vorgelegt, der die Sicherheitsmaßnahmen verbessern und das Vertrauen in seine Reaktoren stärken soll.

Stand: 26.01.2017, 15:13