Ausgebeutet auf dem Arbeiterstrich

Ausgebeutet auf dem Arbeiterstrich

  • Ausbeutung von Osteuropäern in NRW
  • Westpol-Reportage aus Köln-Ehrenfeld
  • Caritas fordert mehr Unterstützung für Arbeiter

"Moderne Sklaverei" hat der Kölner Erzbischof, Kardinal Woelki, das System des Arbeiterstrichs jüngst genannt. Ansonsten spricht kaum jemand darüber. Dabei geht es um Schwarzarbeit, illegale Beschäftigung und um erschütternde Schicksale. Es ist nicht einfach, Kontakt zu den Tagelöhnern zu bekommen. Westpol ist es gelungen, in diese Welt aus Kriminalität und Angst vorzudringen. Eine Reportage aus Köln-Ehrenfeld:

Warten in der Kälte auf Arbeit

Mittwoch, 06.30 Uhr, auf der Venloer Straße, mitten in Köln. Das Westpol-Team dreht versteckt, aus dem Auto. Ein Mann steht schon da. Ein zweiter wartet auf der anderen Straßenseite. Schon nach wenigen Minuten kommt ein Transporter um die Ecke, getarnt als Schulbus. Er hält, der Mann steigt ein, die anderen warten weiter.

Es wird langsam heller, es ist kalt, die Arbeiter frieren, manche können sich nicht einmal einen einfachen Kaffee leisten. Sie warten darauf, dass jemand sie mitnimmt, auf eine Baustelle. Dann werden sie überwiegend schwarz arbeiten für einen Hungerlohn. Ein Bulgare spricht die WDR-Reporter an.

Er kommt, wie die meisten hier, aus Plowdiv. Dort leben seine Frau und seine drei Kinder. Für sie muss er Geld verdienen. Dafür ist er bereit, jeden Job zu machen, für ein paar Euro. Seit vier Monaten ist er hier und kommt jeden Tag an die Ecke, bei Wind und Wetter.

Lohn von 40 Euro am Tag

Der Bulgare sagt: "Ich weiß, dass ich hier illegal arbeite, aber was soll ich machen? In Bulgarien gibt es keine Jobs. Manchmal stehe ich hier zwei, drei Tage und keiner hält an. Dann verdiene ich auch nichts. Wenn einer kommt, muss ich verhandeln." Mal gebe es 40 Euro am Tag, wenn er Glück habe, auch mal 70 Euro. "Manchmal werden wir auch über den Tisch gezogen, dann bekommen wir gar nichts. Ich wohne in einem Zimmer mit drei anderen, allein dafür muss ich 200 Euro bezahlen. Es ist verdammt hart - manchmal."

Nur vier Zollkontrollen in sechs Jahren

Der Ehrenfelder Bezirksbürgermeister Josef Wirges (SPD) schildert dem Westpol-Team, dass es in den letzten sechs Jahren nur vier Zollkontrollen gab.

Schriftlich teilt der Zoll auf Westpol-Anfrage mit: "Die gemeinsamen Prüfungen an den Versammlungsorten führten in Köln vor allem zu einer zeitweisen Verdrängung und einer Aufsplitterung der Gruppen. Ein weiterer Erfolg ist dort nicht zu erzielen."

Caritas fordert Sprachkurse

Tim Westerholt

Tim Westerholt

Tim Westerholt ist Migrationsbeauftragter der Kölner Caritas und kennt die Lage der osteuropäischen Arbeiter gut. Die Freizügigkeit innerhalb der EU ermögliche die Migration von Fachkräften, die hochwillkommen seien. "Davon profitieren wir, aber die anderen erledigen unsere Drecksarbeiten." Der Caritas-Mitarbeiter fordert: "Da müssen wir Geld in die Hand nehmen, da muss Europa Geld in die Hand nehmen und es müssen Sprachkurse finanziert werden."

Und zwar so, dass die Arbeiter während der Kurse über eine Grundsicherung finanziert sind, damit sie eine echte Chance auf Spracherwerb haben. "Das ist wichtig, um sich zur Wehr setzen zu können, um einen Arbeitsvertrag lesen zu können", so Tim Westerholt. Seine Einschätzung ist: "An dieser Stelle fehlt der politische Wille."

Der "Negativwettbewerb" der Kommunen

Caritas-Mitarbeiter Westerholt hat beobachtet, dass bei den Kommunen eine Art "Negativwettbewerb" stattfindet. Man sei bemüht, sich nicht durch Hilfsangebote und gute Strukturen attraktiv zu machen für osteuropäische Tagelöhner.

So bleiben am Ende die Arbeiterstriche in NRW ein verdrängtes Problem.

Stand: 12.11.2017, 06:01