Antisemitismus an Schulen: Der Hass ist Alltag

Antisemitismus an Schulen: Der Hass ist Alltag

Von Anne Bielefeld und Martin Teigeler

Antisemitismus ist an Schulen ein großes Problem. Jüdische Schüler erleben Beleidigungen, Beschimpfungen und Mobbing. Wir haben mit Betroffenen gesprochen.

Es ist eine wichtige Aussage zur aktuellen Antisemitismus-Debatte - und eine sehr schockierende und traurige. "Ich habe das Gefühl nach 31 Jahren: Ich habe nichts geschafft. Und die jüdische Gemeinschaft ist genauso angefeindet wie sie zwischen 1933 und 1945 war." Das sagt Michael Szentei-Heise, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, im Interview mit dem politischen Fernsehmagazin "Westpol".

"Euch hätte man vergasen sollen"

Jüdische Schüler würden "angefeindet, sie werden beschimpft, es werden ihnen Sprüche reingedrückt: 'Euch hätte man vergasen sollen'", berichtet der Geschäftsführer der Gemeinde mit 7.000 Mitgliedern in der Landeshauptstadt.

Seit zwei Jahren nehme Judenhass und Mobbing spürbar zu, insbesondere durch muslimische Mitschüler. Szentei-Heise hat Berichte von jüdischen Kindern und Jugendlichen gesammelt.

Hass im Klassenzimmer

Ein Mann mit einer Kippa auf dem Kopf

Shirly ist 16 Jahre alt. Sie geht auf ein Gymnasium in Düsseldorf. Sie berichtet, wie sie in der 7. oder 8. Klasse einmal ein Thema für ein Referat aussuchte. "Ein anderer Junge wollte es auch. Und dann ist er zu mir gekommen und hat gesagt: war ja klar, weil du Jüdin bist, kriegst du mal wieder alles, ich wünschte Hitler hätte euch alle umgebracht." Es war ein deutscher Mitschüler.

Shirly war geschockt. Sie rannte weinend auf die Schultoilette. Freundinnen trösteten sie. Der Lehrer habe dem Schüler gesagt, er solle sich entschuldigen. "Damit war die Sache gegessen."

Hilflose Lehrer

"Ich hab früher einen Davidstern getragen - auch als Kette", erzählt die Schülerin. Einmal habe nach dem Aussteigen aus der Bahn ein arabischstämmiger Jugendlicher in Richtung ihres Kopfs gespuckt. Auch Morddrohungen in sozialen Medien kennt sie.

Die Schülerin denkt, dass die Lehrer nicht wissen, wie sie mit dem Hass umgehen sollen - "sie wissen nicht, was sie Angreifern sagen sollen, ob sie Eltern einschalten sollen".

Bei "Westpol" kommen weitere jüdische und auch muslimische Schüler zu Wort.

70 Prozent der Juden erleben Antisemitismus

Andreas Zick,  Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld

Forscher Andreas Zick

Der Bielefelder Gewaltforscher Andreas Zick hat gemeinsam mit Wissenschaftler-Kollegen Juden zu ihren Erlebnissen befragt. "70 Prozent der Befragten in unserer Stichprobe hat eindeutig Antisemitismus erlebt", sagt der Sozialwissenschaftler.

Meist gehe es um verbale Angriffe, etwa im Internet. 30 Prozent erlebten demnach körperliche Angriffe.

Die Mehrheit nimmt an, dass der Antisemitismus zunimmt. Dabei spiele auch die Zuwanderung von muslimischen Flüchtlingen eine Rolle.

Stand: 13.05.2018, 08:00