Der Einfluss von antisemitischem Gangsta-Rap auf Jugendliche

Kollegah

Neue Studie

Der Einfluss von antisemitischem Gangsta-Rap auf Jugendliche

Was bewirkt der antisemitische Rap von Haftbefehl, Sido, Kollegah, Bushido und Co. bei Jugendlichen? Eine Studie der Uni Bielefeld gibt Antworten und räumt mit einem Vorurteil auf.

Der Gangsta-Rap gehört zu den erfolgreichsten Musik-Genres in Deutschland. Doch welchen Einfluss haben eindeutig antisemitische und antiisraelische Texte auf ihr meist jugendliches Publikum? Das wollte die Antisemitismus-Beauftragte des Landes NRW, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), genauer wissen und hat eine Studie an der Uni Bielefeld in Auftrag gegeben. Am Dienstag hat sie das Ergebnis in Düsseldorf zusammen mit den beiden Studienleitern Marc Grimm und Jacob Baier vorgestellt.

Der Gangsta-Rap und sein Publikum

Beim Gangsta-Rap handelt es sich um ein Genre, in dem ein "hypermaskuliner Körperkult" und die "Abwertung von Frauen" konstitutive Elemente sind, wie Marc Grimm erklärt. Kein Wunder also, dass das Publikum zu 76 Prozent männlich ist. Es ist jedoch keineswegs so, wie oft vermutet, dass er hauptsächlich von "prekarisierten", also ärmeren Jungs gehört wird, sondern die Mehrheit stammt aus einem Milieu mit mittlerem und hohem Familienwohlstand, so die Forschenden. Und diese Zielgruppe konsumiert mit dem Gangsta-Rap auch immer wieder antisemitische Inhalte, die oft durch Anspielungen transportiert werden.

Was verstehen die Jugendlichen?

Verstehen die Jugendlichen das überhaupt - rein akustisch beim schnellen Sprechgesang, aber auch intellektuell? Beispielsweise singen "Fard & Snaga" in dem Song "Contraband": "Das hier ist junge Wut gegen Politik aus Tel Aviv." In Einzelinterviews fand ein Befragter "das, was ich verstanden habe, gut", während ein anderer statt "Tel Aviv" "c'est la vie" verstanden hat.

Rund zwei Drittel mit antisemitischen Einstellungen

Es ist eine breite Gemengelage, sowohl was die Motivation, Gangsta-Rap zu hören, anbelangt, als auch was er jeweils bewirkt. Mal wird gezielt auf die Texte gelauscht, mal wird die Musik beim Sport oder in der Gruppe nebenbei gehört. Aber in Summe kommen die Forschenden aus Bielefeld zu dem Schluss, dass man "vorsichtige Aussagen über den Zusammenhang zwischen Gangsta-Rap und Antisemitismus machen kann".

In Zahlen ausgedrückt heißt das: 26,5 Prozent der Hörenden hatten "sehr antisemitische", 37 Prozent "etwas antisemitische" und nur 36,5 Prozent "keine antisemitschen" Einstellungen. Und je mehr Gangsta-Rap gehört werde, desto größer sei die antisemitische Haltung. Interessanterweise konnten die Forschenden keinen Zusammenhang zwischen Gangsta-Rap und Rassismus nachweisen. "Die Ablehnung von Rassismus schützt nicht vor Antisemitismus", schlussfolgert Jacob Baier von der Uni Bielefeld.

Sind Verbote sinnvoll?

Eine Maßnahme, die immer rund um strittige Gangsta-Rap-Texte diskutiert wird, ist ein Verbot. Sowohl die ehemalige Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger als auch die Studienleiter sind sich jedoch einig, dass Verbote pädagogisch wenig sinnvoll sind. "Wenn wir mit dem erhobenen Zeigefinger kommen, werden wir Jugendliche nicht erreichen", ist sich die Liberale sicher. Eine Indizierung hält sie jedoch durchaus für diskutierenswert. In so einem Fall würde die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" aktiv.

Was muss nun passieren?

Die Antisemitismus-Beauftragte Leutheusser-Schnarrenberger berichtete am Dienstag von ihrer Zusammenarbeit mit dem Rapper "Ben Salomon", der in Schulen Aufklärungsarbeit leiste. Er habe ihr gesagt, wenn sie sich in das Genre reinhöre, könne sie "schon nach einer Woche selbst einen Beitrag dazu leisten".

Doch die FDP-Politikerin will lieber politisch statt musikalisch wirken. Sie sei in Gesprächen mit dem Schul- und dem Integrationsministerium und plant für Juni eine Fachtagung, die über praktische Maßnahmen diskutieren soll. Dabei sein werden die Musikbranche, Schulen, Bildungseinrichtungen und Kirchen.

Stand: 04.05.2021, 14:02

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