Fall Amad A.: Die Selbstmordtheorie bröckelt

Ein junger Mann in der Nahaufnahme. Er trägt einen modischen Kurzhaarschnitt und hat den Kragen seines Anoraks lässig aufgestellt.

Fall Amad A.: Die Selbstmordtheorie bröckelt

Von Martina Koch

Wie und vor allem warum starb Amad A.? Der junge Syrer kam vor zweieinhalb Jahren bei einem Brand in seiner Gefängniszelle um. Gewissheiten des offiziellen Brandgutachten relativieren sich.

Im September 2018 war der zu Unrecht inhaftierte syrische Flüchtling Amad A. nach einem Zellenbrand in der JVA-Kleve gestorben. Für den Gutachter der Staatsanwaltschaft  war die Sache damals ziemlich klar: "vorsätzliche Brandstiftung vermutlich mit suizidaler Absicht." Vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags räumte er diese Woche Fehler ein.

"Halb subjektiv, halb objektiv" – so beschreibt Guido Schweers, der Brandsachverständige der Staatsanwaltschaft, heute sein Gutachten vor den Abgeordneten. Die Brandermittler hätten ihm gesagt, er solle Zeugenaussagen in seine Bewertung miteinbeziehen. Da einige Amad als depressiv beschrieben hatten, habe er eins und eins zusammengezählt. "Vorsätzliche Brandstiftung, vermutlich mit suizidaler Absicht" - eine Bewertung, die NRW-Justizminister Peter Biesenbach übernommen hat.

Schon früh Zweifel am Brandgutachten

Die WDR-Magazine Westpol und Monitor hatten das Gutachten anderen Experten vorgelegt. Der langjährige Brandsachverständige Henry Portz hatte schon im Februar 2019 erklärt, dass es nicht Sache des Brandsachverständigen sei, das Motiv für das Entzünden eines Feuers zu beurteilen. Vor dem Untersuchungsausschuss blieb Portz dabei.

Amad A.

Amad A.

Und am Ende der sechsstündigen Anhörung diese Woche muss Guido Schweers, der Gutachter der Staatsanwaltschaft, bestätigen: Das Motiv sei nicht aus dem Brand erkennbar. Heute würde er im Gutachten nur noch von "Vorsatz" sprechen.

Mithäftlinge sagen vor dem Untersuchungsausschuss aus

Die Selbstmordtheorie ist demnach nicht belegt. Der Brand in der Zelle hätte auch ein Hilferuf von Amad A. sein können, um auf seine verzweifelte Lage aufmerksam zu machen. Da er Opfer einer Verwechslung geworden und zu Unrecht inhaftiert war.

Die Zweifel am Selbstmordmotiv stützt auch die Aussage eines Mithäftlings. Kaan A. saß im September 2018 in einer Gemeinschaftszelle in der JVA-Kleve, von der er über den Hof Blickkontakt zum Haftraum des syrischen Flüchtlings hatte. An jenem Abend hätten sie plötzlich Rauch bemerkt und aus dem Fenster geschaut. "Ich habe gesehen, wie Amad am Fenster gestanden hat und um Hilfe geschrien hat", sagt Kaan A. wiederholt vor dem Untersuchungsausschuss.

Untersuchungsausschuss zum Fall Amad A. im Landtag

WDR 5 Westblick - aktuell 10.03.2021 06:11 Min. Verfügbar bis 10.03.2022 WDR 5


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Politischer Streit verschärft sich

Für die Opposition ist der Fall damit noch nicht aufgeklärt. Der Obmann der Grünen im parlamentarischen Untersuchungsausschuss Stefan Engstfeld sieht "immer noch ganz viele Fragezeichen bei der Geschichte auch beim Brandgeschehen." Für den Obmann der CDU im Ausschuss, Oliver Kehrl, ist der Zellenbrand dagegen "lückenlos ermittelt." Und: "Für Verschwörungstheorien der Opposition ist nicht die Spur eines Belegs erkennbar", so Kehrl.

Familie fordert Aufklärung

Die Eltern des unschuldig eingesperrten Syrers Amad A.

Die Eltern von Amad A.

Die Familie von Amad glaubt nicht daran, dass ihr Sohn die Zelle angezündet hat, um sich umzubringen. Aus Trauer und Leid ist Wut geworden. Auf der Wiese vor dem Landtag hatten sich am Mittwoch ein paar Dutzend Menschen versammelt. Sie fordern umfassende Aufklärung der Umstände, die zum Tod ihres Sohnes geführt haben. "Hinter dieser Geschichte steckt was, und das versuchen sie zu vertuschen", beklagt Amads Bruder Öcalan Ahmad.

Bis zum Sommer will der Untersuchungsausschuss so viele Fragen wie möglich beantworten.

Stand: 13.03.2021, 06:00