Bundestagsabgeordnete erhalten Warnung vor AfD-Mann Helferich

Matthias Helferich, AfD, Dortmund II, Bundestagswahl 03:08 Min. UT Verfügbar bis 31.12.2025

Bundestagsabgeordnete erhalten Warnung vor AfD-Mann Helferich

Von Wigbert Löer

Der Dortmunder AfD-Politiker Matthias Helferich zieht über die Landesliste in den Bundestag ein. Mit einer anonymen Mail wurde nun die Aufmerksamkeit etlicher Parlamentarier auf ihn gelenkt. Und: Mitglied in der AfD-Fraktion kann Helferich nun nicht mehr sein.

"Passen Sie bitte alle gut auf sich auf!", heißt es in dem Schreiben, das Abgeordneten aller Fraktionen im Bundestag zugegangen ist. Die E-Mail stammt aus der AfD oder deren Umfeld – und warnt die Parlamentarier vor einem neuen Kollegen.

"Aus Reihen der AfD wird mindestens eine Person, die man zurecht als Nazi bezeichnen kann – nein, als Nazi bezeichnen muss – in den Bundestag als Abgeordneter einziehen." Es handele sich, so das Schreiben, um Matthias Helferich, "der aus den Medien als 'das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus' oder auch als der 'demokratische Freisler' bekannt sein dürfte."

Starker Gegenwind aus der eigenen Partei

Inzwischen ist allerdings klar, dass die Personalie Helferich für so viel Spannung in der Partei gesorgt hat, dass der AfD-Mann aus NRW der neuen Fraktion im Bundestag nicht angehören wird. Noch vor der Wahl der neuen Fraktionsvorsitzenden beriet die Fraktion am Mittwoch darüber, ob der erstmals in den Bundestag gewählte Abgeordnete Helferich ihr angehören soll oder nicht. Am Abend schließlich verließ Helferich die Sitzung. Er habe sich nach einer längeren Diskussion entschieden, der Fraktion nicht angehören zu wollen, sagt der scheidende Fraktionschef Alexander Gauland. Fraktionskollegen berichten, Helferich wolle am Donnerstag einen Antrag auf Gaststatus in der Fraktion stellen.

Auf sicherem Listenplatz ins Parlament

Die Nazi-Affäre der nordrhein-westfälischen AfD, die der WDR im Sommer öffentlich gemacht hatte, ist also kurz nach der Wahl nun auch im Bundestag angekommen, noch bevor der Dortmunder Helferich sein neues Abgeordnetenbüro in Berlin bezogen hat. Helferich hatte sein Mandat bei der Wahl vergangenen Sonntag über den sicheren Platz sieben der AfD-Landesliste erlangt.

"Im persönlichen Gespräch" sollte ein Parteifreund bedroht werden

Matthias Helferich

Matthias Helferich

Die anonyme E-Mail spiegelt die Position all jener in der AfD, die sich nicht damit abfinden wollen, dass Helferich die Partei im Bundestag vertritt. Verschickt wurde sie von einem Account mit dem Namen Klaus Retter. In angehängten Dokumenten zeigt und analysiert der anonyme Urheber Chat-Einträge Helferichs aus dem Jahr 2017. Dabei geht es nicht nur um Helferichs Selbstbeschreibung, ein "freundliches gesicht des ns" zu sein und einen "'demokratischen' Freisler" geben zu wollen.

Die angeschriebenen Abgeordneten erfahren auch, dass der AfD-Mann Bezug auf die NS-Organisation Lebensborn nahm, dass er bekannte, sein bürgerliches Image sei "nur schein" und dass er ankündigte, einen Parteifreund "im persönlichen gespräch" zu bedrohen.

Intern äußern sich Chrupalla und von Storch entschieden

Dem WDR liegt in der Affäre Helferich außerdem der Antrag des AfD-Bundesvorstands an das zuständige Landesschiedsgericht der Partei vor. Der Bundesvorstand will Helferich nicht aus der Partei ausschließen, ihn allerdings für alle Ämter sperren.

Die Begründung des Antrags macht deutlich, wie die AfD-Führung ihren neuen Kollegen im Bundestag sieht. Unterschrieben haben es Helferichs künftige Fraktionskollegen Tino Chrupalla und Beatrix von Storch.

Sie gehen etwa auf die Aussage "lebensborn in falsch" ein, mit der Helferich sich über einen jungen Parteifreund äußerte. "lebensborn in falsch" impliziere, dass es für Helferich auch "Lebensborn in richtig" gebe, schreiben Chrupalla und von Storch im Namen des AfD-Bundesvorstands und ordnen die Aussage damit historisch ein:

"Der Lebensborn e.V. war in der Zeit des Nationalsozialismus ein von der SS getragener Verein, der auf Grundlage der nationalsozialistischen Rassenhygiene die Geburtenrate 'arischer' Kinder erhöhen wollte. Die positive Konnotierung dieser inhumanen Einrichtung steht somit in einem diametralen Gegensatz zu den grundlegenden Werten der Partei, wie sie im Grundsatzprogramm niedergelegt sind."

"Erklärte Kontakte zur Dortmunder Neonazi-Szene"

Chrupalla und von Storch gehen weitere Aussagen Helferichs durch. Im Gegensatz zum AfD-Grundsatzprogramm stehe auch "die Beleidigung eines Parteimitgliedes im Polizeidienst als 'Bullen-Tucke'". Selbiges gelte für "den Vergleich seiner beabsichtigten Handlungen als 'demokratischer Freisler', einem NS-Verbrecher, welcher für über 2.500 Todesurteile und unzählige Schauprozesse verantwortlich war" und ebenso für Helferichs Erklärung, er pflege sein bürgerliches Image nur zum Schein. Auch Helferichs "Bezugnahme zum 'Führer'" und seine "erklärten Kontakte zur Dortmunder Neonazi-Szene" bezeichnen Chrupalla und von Storch als unvereinbar mit den Grundsätzen der AfD.

Durch Helferichs Handlungen könne bei den AfD-Mitgliedern der Eindruck entstehen, die von Helferich "vorgetragene vermeintliche Nähe zum Nationalsozialismus gehörte zur Partei", halten Chrupalla und von Storch fest. Warum sie ihn trotzdem nicht aus der Partei werfen wollen, erklären sie allerdings nicht.

Stand: 30.09.2021, 09:13