Lügde und die Folgen - was sich ändern muss

Lügde und die Folgen - was sich ändern muss

Von Arne Hell

Jugendämter und Polizei waren jahrelang den Hinweisen auf sexuellen Kindesmissbrauch in Lügde nicht konsequent nachgegangen. Bei der Aufarbeitung des Falls zeigt sich: Bei den Behörden wird die Verantwortung weitergereicht.

Der Lügde-Untersuchungsausschuss im NRW-Landtag ist eine Marathon-Veranstaltung. Fast 60 Zeugen haben die Abgeordneten bisher zum jahrelangen sexuellen Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz befragt. Etwa genauso viele Zeugen sollen noch folgen.

Eine Zwischenbilanz lässt sich schon ziehen: Gerade die Versäumnisse der Jugendämter passen in ein Muster. Konkreten Hinweisen wird nicht ausreichend nachgegangen. Es fehlt an Sachverstand, sexuellen Missbrauch an Kindern frühzeitig zu erkennen. Und der Schutz der Kinder steht nicht im Mittelpunkt.

Hinweise wurden oft nur weitergereicht

So ist es nicht nur beim Jugendamt des Kreises Hameln-Pyrmont in Niedersachsen gewesen. Auch das Jugendamt des Kreises Lippe in NRW hat sich nach den verschiedenen Meldungen zur Pflegetochter, die bei Andreas V. auf dem Campingplatz lebte, darauf verlassen, dass jemand anderes die Hinweise überprüft. Die Familienhilfe, die regelmäßig dort war. Oder die Polizei. Oder eben das Jugendamt Hameln.

Seit Anfang Februar ist klar: Ähnlich ist es auch im Fall eines weiteren Mädchens gelaufen, das auf dem Campingplatz in Lügde über Monate immer wieder vergewaltigt worden war - von ihrem Patenonkel, von Mario S., dem zweiten Haupttäter von Lügde. Für die damals etwa Achtjährige ist das Jugendamt des Kreises Höxter zuständig gewesen.

Jugendamt Höxter erkennt Gefährdung - und beendet die Hilfe

2017 ging dort die eindeutige Warnung einer Pädagogin ein. Mario S. versuche "die Kontrolle über das Kind" auszuüben. Das Mädchen schlafe bei ihm im Bett und küsse ihn auf den Mund. Das Jugendamt drängte danach zwar auf ein Kontaktverbot zu Mario S. Es organisierte für das Kind auch einen Therapieplatz. Dort wurde der sexuelle Missbrauch allerdings offenbar nicht thematisiert. Die Familienhilfe, die die Familie regelmäßig besucht hat, wurde zeitgleich beendet. Der Fall galt scheinbar als abgeschlossen.

"So etwas ist in meinen Augen grundverkehrt", sagt Kathinka Beckmann, Professorin an der Hochschule Koblenz und Expertin für Kinderschutz. Sie hat selbst etwa 500 Kinder in Gefährdungssituationen betreut: "Da darf man sich nicht rausziehen, ganz im Gegenteil. Je unsicherer ich mir bin, desto aufmerksamer und intensiver muss ich eigentlich dran bleiben." Das Jugendamt Höxter wollte sich auf Anfrage zu den Vorwürfen nicht äußern.

"Das Kind in den Mittelpunkt stellen!"

"Dass man sich zentral ums Kind gekümmert hat, können wir wenig feststellen", fasst der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas seinen Eindruck aus den Befragungen im Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags zusammen. Statt den Schutz des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen, sei es den Jugendämtern oft eher darum gegangen, pädagogische Hilfe zur Erziehung anzubieten.

Formal gesehen haben die Jugendämter ihre gesetzlichen Auflagen trotzdem erfüllt. Sie haben Hausbesuche gemacht. Die Gefährdungsmeldungen wurden abgearbeitet. Aber Experten für sexuelle Gewalt an Kindern wurden nicht dazugeholt, zum Beispiel aus der Rechtsmedizin. "Ich brauche auf jeden Fall eine Fachkraft, die auch in Gesprächsführung mit Kindern geschult ist", findet außerdem Prof. Kathinka Beckmann. Solche Qualifikationen hatte keine der Mitarbeiterinnen im Fall Lügde.

Polizeiarbeit ist umgekrempelt worden

Kinderschutz-Experten hoffen, dass in Zukunft die Jugendämter stärker mit der Polizei zusammenarbeiten. Dort haben die Fehler im Fall Lügde für gravierende Änderungen in der Ermittlungsarbeit gesorgt. NRW-Innenminister Herbert Reul hat das Thema sexueller Missbrauch zur Priorität erklärt.

Allein im Landeskriminalamt (LKA) wurde die Zahl der Stellen verdoppelt und viel Geld in Technik zur Auswertung von Video und Fotos gesteckt. Die Kriminalpolizei vor Ort muss bei Missbrauchs-Ermittlungen jetzt in der Regel mit den übergeordneten Polizeipräsidien vorgehen. Fotos und Videos müssen kopiert werden und dann zur Auswertung an das LKA in Düsseldorf gehen.

Jugendämter bieten inzwischen Schulungen an

Auch einige der Jugendämter, die im Fall Lügde versagt haben, haben reagiert. Im Kreis Lippe etwa gibt es jetzt eine Fachstelle für Kinderschutz. Mitarbeiter wurden für den Umgang mit sexueller Gewalt geschult. Das Jugendamt Hameln-Pyrmont hat dazu auch interne Abläufe geändert, wenn es Verdachtsmeldungen über gefährdete Kinder gibt.

Doch vor allem die Personalsituation scheint weiter schwierig zu bleiben. Fachkräfte wechseln relativ schnell. Gerade im Jugendamt Höxter waren so wichtige Informationen im Fall Lügde nicht weitergegeben worden. Eine der verantwortlichen Mitarbeiterinnen von damals hat im NRW-Landtag ausgesagt, mit ihr sei der Fall nie richtig aufgearbeitet worden. Eine Schulung habe sie bisher auch nicht bekommen.

"Dann scheint da die Struktur nicht zu stimmen im Jugendamt", sagt Marcel Hafke, Landtagsabgeordneter der FDP, und fordert: "Wir brauchen eine gesetzliche Grundlage, die Jugendämter verpflichtet, nach bestimmten Standards zu arbeiten." Standards, bei denen es nicht ausreicht, Hinweise zu dokumentieren. Sondern die den Schutz von Kindern wirklich verbessern.

Stand: 22.02.2021, 09:41