Kreationismus im Unterricht: Freie evangelische Bekenntnisschulen in NRW

Die Bibel zieht sich bei evangelischen Bekenntnisschulen durch den Unterricht. (Symbolbild)

Kreationismus im Unterricht: Freie evangelische Bekenntnisschulen in NRW

Von Rihan Rodosthenous, Angelina Prehl, Patrick Wira und Marspet Movsisyan

Freie evangelische Bekenntnisschulen dürfen im Unterricht von der Bibel erzählen, aber müssen sich an staatliche Vorgaben halten. Nach WDR-Recherchen brechen einige dabei das Schulgesetz.

Johannes (Name von der Redaktion geändert) ist 17 Jahre alt und war lange Schüler an einer freien christlichen Bekenntnisschule - vor zwei Jahren kehrt er der Schule den Rücken. Seine größte Angst: sich dort als schwul zu outen. Nicht-heterosexuellen Lebensentwürfen stand man dort stark ablehnend gegenüber, erzählt er.

Ein Lehrer verglich Homosexualität gar mit Pädophilie. Ein Schock für den 17-Jährigen: "Viele Lehrkräfte denken, dass es eine Sünde ist. Dass Leute Hilfe brauchen und dass es nicht normal ist." Auch soll nie über unterschiedliche Sexualitäten gesprochen worden sein, "auch wenn es dazu Seiten im Buch gab." Ebenso wenig sei die Evolution ein Thema gewesen.

40.000 Schülerinnen und Schüler

Freie evangelische Bekenntnisschulen, wie Johannes sie besucht, sind staatlich anerkannte Ersatzschulen. Finanziert werden sie mit bis zu 87% aus Fördermitteln vom Land, der Rest fließt über Schulgeld oder Spenden in die Kassen der privaten Ersatzschulen. Nach Angaben des Verbands evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS) werden deutschlandweit an über 100 Orten und Städten knapp 40.000 Schülerinnen und Schüler an evangelischen Bekenntnisschulen unterrichtet.

Kritik an freichristlichen Bekenntnisschulen

WDR 5 Westblick - aktuell 07.12.2020 03:42 Min. Verfügbar bis 07.12.2021 WDR 5 Von Patrick Wira


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Aktuell gibt es in Nordrhein-Westfalen über 20 Bekenntnisschulen mit evangelikaler Prägung, die Mitglied beim VEBS sind. Sie können wie alle anderen privaten Ersatzschulen Abschlüsse vergeben und sind laut Schulgesetz berechtigt, sich eine "besondere pädagogische, religiöse oder weltanschauliche Prägung" zu geben. Gleichzeitig dürfen sie aber bei den Lehrzielen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den "Standards vergleichbarer öffentlicher Schulen zurückstehen", heißt es aus dem Schulministerium. Auch sollen Themen wie die biblische Schöpfungslehre nicht als wissenschaftliche Tatsache vermittelt werden.

Evolutionstheorie vs. Schöpfungslehre

Verdeckte WDR Recherche mit Eltern-Identität.

Verdeckte WDR Recherche mit Eltern-Identität.

Der Selbstversuch ergibt jedoch ein anderes Bild: Wir geben uns als interessierte Eltern aus und fragen, wie es mit der Evolution und dem Thema Homosexualität im Unterricht aussieht. Die Ergebnisse lassen aufhorchen: So teilen uns Schulen mit, dass sie zwar die Evolutionstheorie lehren, aber nicht ohne zugleich - so wörtlich - "den biblischen Bericht als wissenschaftlich ernst zu nehmende Tatsache" aufzuzeigen.

Außerdem werde nicht vermittelt, die Welt sei durch einen Urknall entstanden, sondern dass "wir Geschöpfe Gottes seien". An einer weiteren Schule heißt es, man wolle als Bekenntnisschule primär das Wort Gottes vermitteln. Die Schöpfungslehre werde auch von den Biologielehrer:innen als "wissenschaftlich fundiert" vermittelt. Auch würde man regelmäßig Dozierende einladen, die eine "andere Sicht" auf die Evolutionstheorie vermitteln.

Auf Anfrage lassen die betroffenen Schulen über ihre Anwaltskanzlei mitteilen, man lege in der Frage nach der Entstehung des Lebens oder in der Sexualität biblische Aussagen zugrunde. Dies sei durch die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts gedeckt, auch durch das Grundgesetz. Außerdem stelle es "keineswegs einen Widerspruch" dar, "wenn auf alternative Theorien und Erklärungsmodelle hingewiesen wird und Lehrer ein Wissenschaftsbild vermitteln, das Gott miteinschließt". Eine der Antworten sei allerdings durch das Sekretariat erfolgt und möglicherweise missverständlich formuliert gewesen, so die Kanzlei.

Keine wissenschaftlichen Alternativen

Sigrid Beer, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, stört sich schon lange an diesen Lehrinhalten: "Kreationismus ist keine naturwissenschaftliche Theorie, ist kein Gegenstand naturwissenschaftlicher Befassung in der Lehrerausbildung und kann keine Grundlage des Unterrichts bilden".

Alle von uns kontaktierten Bekenntnisschulen sind Mitglied des Verbands Evangelischer Bekenntnisschulen. VEBS-Generalsekretär Wolfgang Stock stellt auf Anfrage klar, dass die Schöpfungslehre "eine wissenschaftliche Alternative ist, das glaube ich persönlich überhaupt nicht."

Umgang mit Homosexualität an den Schulen

Auch beim Thema Homosexualität schreiben uns im Rahmen der Recherche einige Schulen und beziehen sich dabei auf die Bibel: "Wir orientieren uns in Religion, Biologie, Erziehungswissenschaft und so weiter am Leitbild der Bibel. Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen". "Praktizierte Homosexualität" verlasse "diesen Rahmen", so eine Schule. An anderer Stelle heißt es: Abweichungen von "traditioneller Sexualität" seien "Sünde". Dem Sektenbeauftragen des Landes NRW, Christoph Grotepass, geht das zu weit: "Für meinen Geschmack verlässt das den Rahmen, was man von einer allgemeinbildenden Schule erwarten muss. Wir sehen, dass Toleranz gegenüber Vielgestaltigkeit verloren geht."

Toleranz und Sünde

Das Schulministerium stellt klar, aus dem Schulgesetz gehe hervor, dass alle Menschen in der Sexualerziehung lernen sollen, andere - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Identität - zu akzeptieren.

Konfrontiert mit diesen Äußerungen schreibt die Kanzlei, dass das Bekenntnis "prägend für die Schule und den gesamten Unterricht" sei. So sollen den Schülerinnen und Schülern unterschiedliche "Ansichten und Theorien" vorgestellt werden und so könnten sie sich "ihre eigene Meinung bilden". Weiter heißt es: "Aus den Verlautbarungen der Bibel ziehen wir die Schlussfolgerungen, dass homosexuelle Partnerschaften der Ehe nicht gleichgestellt werden können. Verurteilendes Verhalten Homosexuellen gegenüber wird nicht verschwiegen und als Schuld bekannt."

Schulmaterial vom Verlag “Wort und Wissen”

An einer Schule verwende man auch Materialien vom oftmals kritisierten evangelikalen Verlag "Wort und Wissen" zu Unterrichtszwecken, so ein Schulleiter. Die Kanzlei der Schulen teilt mit, dass die Schulen "ausschließlich Schulbücher (verwenden), die für öffentliche Schulen durch das Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW genehmigt sind".

Das Schulministerium teilt uns mit: Lernmittel dieses Verlags "sind in NRW nicht zugelassen". Generell darf nur vom Schulministerium genehmigtes Unterrichtsmaterial genutzt werden. Man räumt aber auf Nachfrage auch ein, dass Ersatzschulen von dieser Pflicht befreit seien und ergänzt: "Der Unterricht und die eingesetzten Materialien haben jedoch fachwissenschaftlichen Standards zu genügen. Die Verantwortung für die Einhaltung dieser Standards obliegt den Schulen und ist Grundlage der Schulgenehmigungen."

Zuständigkeit versus Verantwortung

Was ist also erlaubt und wer überprüft mögliche Verstöße an freien Bekenntnisschulen? Der VEBS und das Schulministerium verweisen auf die jeweilige Bezirksregierung, da sie die Rolle der Schulaufsicht innehat. Alle Bezirksregierungen teilen auf WDR-Anfrage mit, es seien keine Fälle bekannt. Das verwundert Christoph Grotepass von der Sekten-Info NRW, da er gelegentlich mit Beschwerden von Eltern kontaktiert werde. Er kritisiert, dass hier die Bereitschaft der Behörden fehle, in solchen Fällen genauer hinzuschauen.

An seiner neuen öffentlichen Schule fühlt sich Johannes wesentlich wohler mit seiner Sexualität und hat sich deswegen dort geoutet: "Jetzt rede ich auch viel offener darüber, damals war das definitiv nicht so".

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