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Westpol 19.12.2021 29:22 Min. UT DGS Verfügbar bis 19.12.2022 WDR

Booster-Impfung in Pflegeheimen: Landesregierung vermittelte falsche Sicherheit

Stand: 19.12.2021, 16:30 Uhr

Seit Wochen beruhigt Gesundheitsminister Laumann: NRW habe beim Boostern schon "90 Prozent der Altenheime geimpft". Doch das stimmt so nicht. Inzwischen will Laumann es ganz anders gemeint haben.

Von Arne Hell und Mathea Schülke

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat in der Corona-Pandemie mehrfach hervorgehoben, wie wichtig ihm die Menschen in den Pflegeheimen sind. Bevor im Frühjahr bei den Erst- und Zweitimpfungen andere Bevölkerungsgruppen dran waren, schickte Laumann mobile Impfteams in die Einrichtungen.

Karl-Josef Laumann

NRW-Gesundheitsminister Laumann vermittelte falsche Sicherheit

Auch bei der Drittimpfung, beim Boostern, wollte Laumann die besonders verwundbaren älteren und kranken Menschen schnell geschützt wissen. Und nach Aussagen des Ministers klappte das bestens. Am 29. Oktober verkündete Laumann wörtlich auf einer Pressekonferenz: "Wir haben – Stand heute – rund 90 Prozent unserer Altenheime eine Auffrischungsimpfung den Menschen gegeben."

90 Prozent der Booster-Impfungen abgeschlossen?

Laumann ergänzte: "Damit haben wir auch der anfälligsten Gruppe die Auffrischungsimpfung gegeben." Neben ihm stand damals Frank Bergmann, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO). Auch er lobte das vermeintliche Tempo: "Rund 90 Prozent der Pflegeheime haben mittlerweile die Auffrischungsimpfungen erfolgreich abschließen können."

Doch WDR-Recherchen zeigen: Das Boostern in den Pflegeeinrichtungen war und ist keineswegs erfolgreich abgeschlossen. Und es waren auch längst nicht 90 Prozent der Menschen Ende Oktober geboostert. Offenbar ist die Quote bis heute nicht erreicht.

Impfen in Pflegeheimen ist komplizierter geworden

Im Vergleich zum Frühjahr ist das Impfen in den Heimen komplizierter geworden. Heute sind die Hausärztinnen und -ärzte dafür zuständig. "Wir haben natürlich unterschiedliche Hausärzte in unserer Einrichtung, die wir alle einzeln kontaktieren müssen", kritisiert etwa Tim Munsky, Leiter des Altenpflegeheims Lazarus in Bergheim Rhein-Erft-Kreis.

"Wir müssen dann die entsprechenden Dokumente bereithalten, die wir uns vorher von den Angehörigen oder von den Betreuern holen müssen. Und dann warten wir auf die einzelnen Impftermine." Aktuell liege die Quote der Booster-Impfungen im Heim bei etwa 70 Prozent, sagt Munsky.

Niemand kennt landesweite Booster-Quote ganz genau

Landesweite Zahlen zu bekommen, ist schwierig. Denn wo eine Impfung erfolgt, wird nicht mehr erfasst. Die Hausärzte melden ans RKI lediglich die Altersgruppen. Die Folge: Niemand weiß ganz genau, wie viele Menschen in den Heimen schon geboostert sind.

WDR und NDR hatten Ende November alle Gesundheitsämter in Deutschland angefragt, welche Informationen sie zum Booster-Stand in den Pflegeeinrichtungen haben. Aus NRW haben gerade einmal 14 von 53 Ämtern Zahlen geliefert. In Hagen etwa lag die Quote bei 43 Prozent, im Kreis Minden-Lübbecke bei 66 Prozent und im Kreis Viersen bei 75 Prozent.

Ministerium: Laumann habe etwas anderes gemeint

Das NRW-Gesundheitsministerium erklärte auf Anfrage, dass es keine aktuellen Zahlen für Mitte Dezember habe. Eine Abfrage von Mitte November habe ergeben, dass die Booster-Quote landesweit bei 70 Prozent gelegen habe.

Wie kam Minister Laumann dann also dazu, schon Ende Oktober von 90 Prozent zu sprechen? Die Antwort des Ministeriums: Er habe etwas ganz anderes gemeint, und zwar lediglich den Anteil der Heime, die "ein Impfangebot erhalten" hätten. Das sei in den "Antworten auf Presseanfragen auch klar dargelegt worden."

Auch Wüst sprach von "90 Prozent der Menschen"

Viele Medien hatten den Minister allerdings ganz anders verstanden und dessen Aussagen übernommen. Auch der WDR berichtete, dass die Booster-Impfungen in den Heimen "größtenteils erfolgt" seien.

Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, redet bei der Pressekonferenz zu den abgesagten Karnevalssitzungen.

Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU)

Sogar NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sagte am 9. November wörtlich: "Wir sind in NRW damit sehr früh angefangen, deswegen haben wir heute schon über 90 Prozent der Menschen in den Pflegeheimen mit der Booster-Impfung, der Auffrischungsimpfung, versorgt."

Patientenschützer wirft Landesregierung "Trickserei" vor

"Man hat sich mit fremden Federn geschmückt, die nicht der Wahrheit entspricht, die auch nicht der Realität entsprechen", kritisiert der Landtagsabgeordnete Josef Neumann (SPD). Er unterstellt der Landesregierung, absichtlich die Zahlen verdreht zu haben.

Ministerpräsident Wüst: Langsam reden, unfallfrei regieren?

WDR RheinBlick 17.12.2021 28:40 Min. Verfügbar bis 17.12.2022 WDR Online


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Von "Trickserei" spricht auch der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch: "Gerade die vulnerable Gruppe, die anfällig ist für dieses Virus, lebt in unseren Pflegeeinrichtungen und da muss der Staat die Verantwortung übernehmen, sie zu schützen."

Corona-Ausbrüche in 237 Pflegeeinrichtungen in NRW

Gesundheitsminister Laumann selbst weist die Kritik von sich: "Wir haben immer gesagt: Wir haben in 90 Prozent der Altenheime Auffrischungsimpfungen angeboten." Anders seien seine Zitate nie zu verstehen gewesen - und das, obwohl wörtliche Zitate etwas anderes dokumentieren.

Fakt ist: Die Lage in den Pflegeeinrichtungen ist deutlich riskanter als die Landesregierung sie seit Wochen dargestellt hat. Aktuell gibt es in NRW Corona-Ausbrüche in 237 Pflegeeinrichtungen. In einigen Heimen ist auch schon die noch ansteckendere Omikron-Variante nachgewiesen worden.