Griechenland, Athen: Ein Feuerwehrmann hält einen Wasserschlauch während der Löscharbeiten eines Waldbrandes im Norden von Athen.

Resignation, Stress, Alpträume: Wie umgehen mit der Dauerkrise?

Stand: 19.08.2021, 22:02 Uhr

Hochwasser, Feuer, Klimakrise. Und dann noch Afghanistan und Haiti - die Katastrophenmeldungen reißen nicht ab. Was macht das mit uns? Und wie können wir damit umgehen?

Von Marion Kretz-Mangold

Corona? Ach ja, das gibt's auch noch. Die Pandemie gerät fast in den Hintergrund bei all den Schreckensmeldungen, die das Jahr 2021 gebracht hat: das Jahrhundert-Hochwasser mit Toten, zerstörten Existenzen und zerstörter Landschaft. Die riesigen Feuer, die weltweit Wälder auffressen und die Luft verpesten.

Taliban bewachen eine Straße.

Taliban bewachen eine Straße

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan, die wieder ein Schreckensregime errichten und damit Tausende in die Flucht treiben. Und jetzt auch noch ein Erdbeben auf Haiti, eines der ärmsten Länder der Welt, das sich von dem letzten Beben vor zehn Jahren immer noch nicht erholt hat.

Und, nicht zu vergessen, die Klimakrise. "Eine Temperaturerhöhung von über zwei Grad würde zu katastrophalen Zuständen führen", sagt Klimaforscher Niklas Höhne vom New Climate Institut. "Das ist eine Welt, in der ich nicht leben möchte." Aber es wird schwer, die Erderwärmung abzuschwächen.

Begegnung mit dem Säbelzahntiger

Harter Stoff also, und das geballt. Wer Nachrichten hört, sieht oder liest, kommt aus dem Krisenmodus gar nicht mehr heraus. Die Folgen: Herzrasen, Alpträume, Schlafstörungen - typische Anzeichen von Stress. Die sind eigentlich sinnvoll, sagt die Kognitions- und Neurowissenschaftlerin Maren Urner im 0630 Podcast des WDR.

Ikone različitih aplikacija za upozoravanje na ekranu smartfona

Die schlechten News kommen per Smartphone

Wenn unsere Vorfahren plötzlich einem Säbelzahntiger gegegenüber gestanden hätten, hätten sie sich blitzschnell zwischen Flucht oder Kampf entscheiden müssen. "Aber wenn wir 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche einen digitalen Säbelzahntiger in Form eines Smartphones mit uns herumtragen, dann geraten wir in Dauerstress." Und dann sind die Hirnregionen, die für Entscheidungen zuständig sind, blockiert - und unsere Entscheidungen schlecht.

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Resignation macht sich breit: Es hat ja eh alles keinen Sinn

Helfer in Iversheim in der Eifel tragen Werkzeuge und Verpflegung durch den zerstörten Ort

Anpacken baut den Stress ab

Aber der Stress geht uns nicht nur wortwörtlich an die Nieren. Er legt sich auch aufs Gemüt, sorgt dafür, dass Resignation der einfachste Ausweg zu sein scheint: Es hat ja eh alles keinen Sinn. Selbst die, gegen die Krisen angehen, zweifeln: "Ich denke mir so oft 'du hättest noch mehr helfen können'", sagt Hanna. Sie hat Tage an der Ahr verbracht, mit Schippe, Hammer und Eimer geholfen, um wenigstens die gröbsten Spuren der Flut zu beseitigen. "Ich versuche, den Druck loszuwerden, aber es ist sehr schwer."

Musik statt Nachrichten

Hanna tut deswegen das, was viele im Moment machen: Sie schaut keine Nachrichten mehr. "Ich kann es nicht mehr ertragen, so viel Leid zu sehen und nicht helfen zu können." Das ist eine Möglichkeit, den Stress zu reduzieren. Andere hören schlicht Musik statt Nachrichten, stellen eine Kerze ins Fenster oder versuchen, "das halb volle Glas zu sehen und nicht das halb leere" - ein einfaches Rezept der 91-jährigen Monika Pragemeier.

Dem Stress etwas Positives abgewinnen

Und es gibt die Menschen, die dem Stress bewusst etwas entgegensetzen. Wie Jen, die "den Menschen um mich herum helfen will, die dann anderen helfen". Oder Hanna, die sich an das "warme Gefühl" angesichts all der freiwilligen Helfer an der Ahr erinnern will. Inzwischen hat sie eine 83-Jährige kennengelernt, die alles verloren, aber wenig Geld und gar keine Versicherung hat. Hanna wird ihr jetzt mit dem Soforthilfe-Antrag und einer Finanzspritze helfen. "Und Blumen gibt es auch."

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