Tablettenpackungen des Krebsmedikaments Tamoxifen. Aktuell kommt es zu Leiferengpässen.

Krebsbehandlung: Wenn ein wichtiges Medikament plötzlich nicht mehr lieferbar ist

Stand: 10.03.2022, 14:47 Uhr

Regina Clasen hatte Brustkrebs. Nach Operation und Bestrahlung ist sie nun täglich auf ein Medikament angewiesen, damit die Krankheit nicht zurückkommt – aber genau dieses ist überall ausverkauft.

Vor einem Jahr hat Regina Clasen aus Mönchengladbach die Diagnose erhalten: Brustkrebs. Vergangenen April hat sich die 61-Jährige operieren lassen, anschließend folgte die Bestrahlung. Aktuell ist Clasen krebsfrei, muss aber zur Prophylaxe das Medikament Tamoxifen einnehmen. So wird sie davor geschützt, dass der Krebs zurückkommt.

Jeden Tag nur noch eine halbe Tablette

So zumindest in der Theorie. Aktuell kann Clasen ihr Medikament nicht bekommen, es ist ausverkauft. "Ich habe mich jetzt entschieden, meine Tamoxifen-Tabletten zu teilen" erzählt die Mönchengladbacherin. Nur noch zehn Milligramm pro Tag statt 20. So komme sie mit ihren letzten Tabletten länger aus, auch ihre Gynäkologin habe ihr dazu geraten.

Regina Clausen auf ihrer Couch bei sich zu Hause. Regina Clausen ist auf das Krebsmedikament Tamoxifen angewiesen. Aktuell gibt es einen Lieferengpass.

Regina Clausen ist auf das Krebsmedikament Tamoxifen angewiesen. Aktuell gibt es einen Lieferengpass.

Andere Medikamente sind für die 61-Jährige wegen zu starker Nebenwirkungen keine Alternative. Regina Clasen sagt: "Es hat mich schon erschüttert, dass plötzlich so ein Medikament, das nicht teuer und für viele Menschen sehr wichtig ist, nicht mehr auftaucht." Brustkrebs gilt als die häufigste Krebsart bei Frauen. Aktuell sind deutschlandweit rund 130.000 Frauen auf die Einnahme des östrogen-blockenden Medikaments Tamoxifen angewiesen.

Medikamenten-Knappheit hat mehrere Gründe

Dafür, dass Regina Clasen nicht an ihre Tabletten kommt, gibt es verschiedene Gründe. Mehrere Firmen stellen das Medikament mit dem gleichnamigem Wirkstoff her. Im Februar waren beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beispielsweise Lieferengpässe bei Tamoxifen von den Herstellern Hexal, Aliud und Heumann gemeldet. Laut dem Institut liege das auch daran, dass die Pharmaunternehmen selbst zu wenig Tamoxifen zur Verfügung haben. Denn den Wirkstoff bekommen sie von anderen Firmen zugeliefert.

Thomas Preis als Vorsitzender des Apothekerverbandes fordert dazu: "Die Firmen wissen oft im Vorfeld, dass die Situation bei den Rohstoffen so knapp ist, dass sie nicht mehr produzieren können." Es könne nicht sein, dass von einem auf den anderen Tag Patienten, Ärzte und Apotheken vor vollendete Tatsachen gestellt würden und die Produkte nicht mehr da verfügbar seien. Um das zu verhindern, bräuchte es größtmögliche Transparenz.

"Für diese Leute ist das wirklich essenziell bedrohlich"

Auch die Gewinnmarge sei für die Pharmafirmen nach eigenen Aussagen zu gering. Die Medikamente seien zu billig – vor allem nach Ablauf des Patentschutzes, wie es bei Tamoxifen der Fall ist. Weil sie so weniger Gewinn machen, stellen einige Firmen die Produktion ganz ein. Wenn es bei denen, die noch weitermachen, Probleme in der Produktion gibt, vergrößert dies einen Lieferengpass noch zusätzlich. Auch große Vorräte, um Engpässe zu überbrücken, legen Pharmafirmen aus Kostengründen nicht an.

Regina Clasen macht sich vor allem Sorgen um die Patientinnen, die noch mit einem aktiven Krebs zu kämpfen haben. "Mir hat das total leid getan für die vielen, die einen schnell wachsenden Tumor haben oder schon Metastasen haben, die dann nicht mehr oder kaum noch wachsen, wenn man's nimmt", sagt die 61-Jährige. "Für diese Leute ist das wirklich essenziell bedrohlich."

Lieferengpass könnte Ende Mai beendet sein

Nach Aussage des BfArM könnte der Lieferengpass bei Tamoxifen Ende Mai beendet sein. Schon vergangenen Donnerstag bestätigte das Institut, dass der Import von mehr als fünf Millionen Tabletten zugelassen worden sei. Spätestens im Mai sollen dann weitere 20 Millionen Tabletten folgen.

Über dieses Thema berichten wir auch in der WDR-Lokalzeit aus Düsseldorf am 10. März 2022 um 19.30 Uhr.

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