Politologe zur CDU-Krise: "Die Ruine einer Volkspartei"

Annegret Kramp-Karrenbauer steht am 06.02.2020 hinter Pressemikrofonen

Politologe zur CDU-Krise: "Die Ruine einer Volkspartei"

  • Kramp-Karrenbauer stand unter Druck
  • Richtungsstreit in der CDU
  • Politologe: "Politische Mitte in Deutschland ist heftig angeschlagen"

WDR: Hat Sie die Ankündigung Kramp-Karrenbauers überrascht?

Martin Florack: Jein. Die Vorzeichen waren vorauszusehen. Annegret Kramp-Karrenbauer stand enorm unter Druck. Der Zeitpunkt ist letztlich immer überraschend. Sehr interessant ist, dass kleine Dinge eine große Wirkung haben - so wie jetzt etwa die Wahl in Thüringen. Zudem zeigt die Ankündigung, dass die Trennung von Kanzleramt und Parteivorsitz für die CDU ein großes Problem ist. Das ganze Führungsproblem der Union tritt da zutage, wobei Übergänge nach so einem langen Vorsitz, wie Merkel ihn innehatte, häufig problematisch sind.

WDR: Fürchten Sie einen Richtungsstreit in der CDU?

Florack: Der Richtungsstreit ist da. Die Union kriegt jetzt genau wie die SPD präsentiert, was sie ist: die Ruine einer Volkspartei. Die politische Mitte in Deutschland ist heftig angeschlagen. Eigentlich können sich derzeit nur die Grünen und die AfD beruhigt zurücklegen.

WDR: Die Werteunion der CDU fordert eine Mitgliederbefragung zur Klärung der Nachfolge. Wie bewerten Sie die Gefahr eines Rechtsrucks in der CDU?

Florack: Die Werteunion ist ein weit überschätzter Faktor, die sind nicht das Problem. Das sind eher die Mitt-Vierziger in der Partei, die klare Karriereziele verfolgen und dafür auch auf Wellen surfen. Der Blick Richtung AfD ist für viele CDU-Wähler aber ein Riesentabu. Käme es dazu, sind die Grünen eine Gefahr für die CDU, weil sie liberale Überzeugungen von Wählern der Mitte bedienen.

WDR: Wer sind nun die aussichtsreichsten Kanzlerkandidaten in der CDU?

Der Politikwissenschaftler Martin Florack

Martin Florack

Florack: Armin Laschet ist ein Kandidat. Er führt den größten Landesverband an. Er stünde für eine liberale Union - ähnlich wie Merkel und Kramp-Karrenbauer. Friedrich Merz hat nichts zu verlieren und wird sich sicher wieder ins Gespräch bringen. Zumal er kürzlich erst das Ende seines Engagements bei Black Rock angekündigt hat. Er bietet eine große Projektionsfläche. Man weiß nicht genau, was er will. Jens Spahn ist ein weiterer Kandidat. Einen Favoriten kann ich nicht ausmachen. Sollte es eine Mitgliederbefragung geben, ist alles möglich. Entscheidet ein Parteitag, könnte Laschet als NRW-Landeschef die größten Chancen haben. Das wird sehr interessant, da die Mitbewerber Merz und Spahn auch aus NRW kommen.

WDR: Denken Sie, dass unklare Personalsituationen wie unlängst in der SPD oder jetzt eben in der CDU das Vertrauen der Wähler in die Politik nachhaltig erschüttern?

Florack: Der Personalisierungsfaktor in der Politik wird vor allem in den Medien gnadenlos überbewertet. Das ist nur ein Faktor unter mehreren. Man wählt nicht nur gute Typen, sondern das, wofür sie stehen. Es geht um programmatische Überlegungen.

Das Interview führte Christian Zelle.

Stand: 10.02.2020, 12:31

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