Petition: Pflegekinder fordern Ende der Gehaltskürzung

Symbolbild: Eine Frau wirft Münzen in ein Glas

Petition: Pflegekinder fordern Ende der Gehaltskürzung

Von Susanne Schnabel

  • Pflegekinder müssen bis zu 75 Prozent ihres Einkommens ans Jugendamt abführen
  • Jugendliche in NRW organisieren sich und starten eine Onlinepetition
  • Ihre Forderung: Die "Kostenheranziehung" gehört abgeschafft
Jana Paul von der Interessenvertretung "Jugend vertritt Jugend NRW"

Jana Paul von "Jugend vertritt Jugend NRW"

"Jeder Jugendliche soll die Chance bekommen, seine Abhängigkeit zum Jugendamt ablegen zu können und lernen, mit seinem verdienten Geld umzugehen", sagt Jana Paul aus Aachen, die gemeinsam mit anderen jungen Menschen vor Kurzem eine Onlinepetition gestartet hat. Als Interessengemeinschaft "Jugend vertritt Jugend NRW" fordern sie die Abschaffung der sogenannten Kostenheranziehung für junge Menschen in stationären Einrichtungen.

Denn: Nehmen Jugendliche aus Pflegefamilien oder einer stationären Wohneinrichtung eine Ausbildung auf oder einen Nebenjob an, müssen sie bis zu 75 Prozent ihres Nettoeinkommens an das Jugendamt zahlen. Das regelt der Paragraf 94 des Achten Sozialgesetzbuchs, um den Parteien seit Jahren streiten. Geändert hat sich bisher nichts.

"Wir nehmen das nicht mehr hin", sagt Jana Paul. Die Betroffenen hätten eh einen schweren Start ins Leben und können nichts für ihre Situation. "Da viele von ihnen gar keine Angehörigen haben, die sie unterstützen können, müssen sie zukunftsentscheidende Dinge wie Führerschein, die erste eigene Wohnung und das Studium selbst finanzieren". Sparen sei nahezu unmöglich.

"Wer jobbt, sollte 100 Prozent behalten dürfen"

Symbolbild: Eine Frau steckt Geldscheine in ein Portemonnaie

Wieviel bleibt vom Lohn?

Nikola Hülbrock arbeitet in einer Einrichtung in Saeffelen bei Heinsberg. "Ich kann den Unmut verstehen, wenn die jungen Leute das erste Mal von der Regelung erfahren. Aber ich setze mich mit ihnen hin und dann rechnen wir in Ruhe nach. Dabei wird schnell klar, dass sie sich damit gar nicht so schlecht stehen".

Die Jugendlichen bekommen neben den 25 Prozent, die ihnen vom Gehalt bleiben, monatlich Taschengeld und Kleidergeld. Das Jugendamt übernimmt Kosten für spezielle Arbeitsbekleidung, Bücher und Fahrtickets. "Ich sehe allerdings einen großen Unterschied zwischen Ausbildungsgehalt und Ferienjobs. Wer jobbt, sollte 100 Prozent behalten dürfen", so Hülbrock.

Ein gewisser Abschlag ist zumutbar

Lorenz Bahr vom LVR

Lorenz Bahr vom LVR

Das sieht Lorenz Bahr, Leiter des Landesjugendamtes ähnlich: "Wenn jemand durch Zeitungsaustragen sein Taschengeld aufbessert, dann sollte es gar keine Heranziehung geben." Wer in Ausbildung und Beruf geht, dem sei ein gewisser Abschlag durchaus zuzumuten. Bahr: "Aber nicht in der Höhe von 75 Prozent! Wenn man nicht für den erzieherischen Aufwand heranzieht, sondern nur für Unterbringung und Verpflegung, das wäre gerechtfertigt."

Bislang haben 1.708 Menschen die Petition von Jana Paul unterschrieben und 639 Personen haben einen Kommentar hinterlassen. (Stand 27.08.2019)

"Wir sind doch keine Heimkinder!"

WDR 5 Neugier genügt - das Feature 08.08.2019 20:07 Min. Verfügbar bis 07.08.2020 WDR 5 Von Anke Bruns

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Stand: 27.08.2019, 06:00

Kommentare zum Thema

36 Kommentare

  • 36 Gabi 28.08.2019, 21:59 Uhr

    Was mich , seit 27 Jahren Pflegemutter, außerdem wütend macht: Unsere (Pflege) Kinder "dürfen" später auch noch einen Teil ihres Gehaltes an den Staat abtreten, weil sie für den Unterhalt ihrer leiblichen Eltern, die sie in vielen Fällen noch nichte einmal kennen, herangezogen werden.

  • 35 Anonym 28.08.2019, 18:24 Uhr

    auch Pflegekinder sollten ein Anrecht auf ihr selbst verdientes Geld haben.

  • 34 Michael 28.08.2019, 16:13 Uhr

    Auf diesem fatalen und völlig verfehltem Hintergrund einer Kostenheranziehung, also im Prinzip Strafzoll für Ausbildung und Nebenjob, ist es ja noch grotesker, dass demnächst im Bundestag beschlossen werden soll, dass diese bestehende Regelung sogar noch manifestiert und aus dem laufenden Einkommen bereits abgezockt werden soll (bisher war es der Durchschnitt des Vorjahres) ! Eigentlich ist diese Politik sogar als zynisch zu bezeichnen: "Ihr lieben gut geratenen Pflegekinder, wir zeigen Euch jetzt mal richtig, wo der Hammer hängt ! Jetzt dürfte Euch mal klar werden, was wir Politiker in Berlin von Euch halten. Ab nach Hause zu Hartz4. Warum sollt Ihr es besser haben, nur weil Ihr zielstrebig Schulabschlüsse und Ausbildungen macht und nebenbei noch jobbt, um später fleissig Steuern zu zahlen. So was lohnt sich hier in Deutschland nicht. Und eure Wählerstimmen interessieren uns auch nicht, weil wir schon genug Stimmen haben. Aber eure Kohle können wir gut brauchen für den Wahlkampf."

  • 33 Wilfried 28.08.2019, 14:11 Uhr

    Hat unser Land es so nötig, sich an dem Geld der schon vom Schicksal gebeutelten Jugendlichen zu bereichern ? Ich schäme mich dafür, das wir diesen Kindern u. Jugendlichen kein beschwerdefreies Aufwachsen ermöglichen, sondern wir uns Gesellschaftlich daran bereichern mit dieser veralteten Gesetzgebung. Wir signalisieren ihnen mit dieser (noch gesetzl. verankerten Regelung), arbeiten lohnt sich nicht, der Staat steht immer bereichernd hinter Dir! Gerade diese Heranwachsenden sollte doch die Chance bekommen, es anders machen zu können, wie sie es ggfs. bei ihren leiblichen Eltern (Hartz IV ) erleben mussten. Es bleiben ihnen oftmals von den Brutto 360 - 400 Euro Ausbildungsbeihilfe nur noch 90,00 Euro im Monat. Bei einer 38 Stundenwoche ist das ein Stundenlohn von 2,37 Euro Brutto. Und dann kommen noch die ganzen gesetzl. Abzüge weiter runter !!!! Haaallloooooo, aufwachen !!!!!!!!!!!!!!

  • 32 Gollinger-Riedl 28.08.2019, 12:34 Uhr

    Bin entsetzt dass gerade unseren Pflegekindern derartiges zugemutet wird. Ehrlicher Verdienst und Engagement soll und muss entsprechend gewürdigt und gefördert werden. Verursacht Frust Unwillen Demotivation. Erinnert nich an das schlechte Image der Waisenhäuser ... Kinder und Jugend fördern frohen Willens

  • 31 Tabea Pioch 28.08.2019, 11:59 Uhr

    Es ist schwierig - Pflegekinder haben schon so viel mitmachen müssen und dass sie dem Staat auf der Tasche lagen/liegen, können sie am allerwenigsten. Da müssen andere Regelungen her! Die meisten sind schon so lange in Kinderschutz-Prozessen, für die sie selbst keine Verantwortung tragen. Sie leiden schon genug! Dazu auch noch der Hinweis auf meine Petition - es muss sich etwas ändern! Https:// t1p.der/d7y4

  • 30 Ines 28.08.2019, 06:51 Uhr

    Ich finde es auch nicht ok dann braucht man sich nicht zu wundern wenn die Jugendlichen nicht arbeiten wollen.

  • 29 Silvia 27.08.2019, 23:52 Uhr

    Ich finde es furchtbar diese 75% regaling. Diese Kinder sind doch schon bestraft genug kònnen nicht in geordneten Verhàltnissen aufwachsen haven vieleicht auch hàusliche Gewalt erlebt .Sie wollen das alles vergessen und sich ein nor males Leben aufbauen und dann sowas. Die leiblichen Eltern ,die die Kinder in so eine Lage gebracht haben,soltan fùr die Kosten aufkommen und nicht die Kinder.

    Antworten (1)
    • Andreas Goertz 28.08.2019, 18:02 Uhr

      In der Regel haben die leiblichen Eltern dieser Kinder ihr eigenes Leben nicht im Griff, weshalb dort auch meist nichts zu holen ist.

  • 28 User 27.08.2019, 23:32 Uhr

    Die Erziehung und die damit anfallenden Kosten sollen von Eltern getragen werden. Es müsse genügend Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf vorhanden sein! Der Stadt gibt den Eltern dafür Kindergeld. Wenn man Kinder in die Welt gesetzt hat ist man für diese tatsächlich auch verantwortlich. Und nicht das die Kinder rückwirkend für ihre Kindheit bezahlen müssen. So sehe ich das! Komisch das bei der Scheidung Alimente gefordert werden, bei sowas aber nicht! Mit der 75% Regelung hat man nur eins gewonnen, neue Arbeitslose, den ich würde ehrlich gesagt es auch nicht einsehen für so nen Hungerlohn noch arbeiten zu gehen! Rechnet sich das? In 3 Fällen 75% anfordern und übrigen 7 HatzlV bezahlen, aufgrund der logischen Verweigerung! Viel Erfolg allen Betroffenen!

  • 27 Inka Laurentius 27.08.2019, 22:08 Uhr

    Die Kinder werden für das Verhalten ihrer Eltern bestraft. Das ist nicht richtig.

    Antworten (1)
    • Ina 28.08.2019, 12:21 Uhr

      So sehe ich das auch!

  • 26 Judith 27.08.2019, 21:59 Uhr

    Dieses Gesetz ist nicht förderlich für den Umgang mit Geld und die Jugendlichen dazu zu bewegen, dass man mit ehrlicher Arbeit und Fleiß etwas für sich erreichen kann! Sie können nichts für ihre Situation. Außerdem kommt es auf die ein zwei Jahre länger auch nicht mehr an, Voller werden die Finanzkassen dadurch auch nicht.

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