Kommentar: Gutachten zu Missbrauch im Erzbistum Köln

Ein Kruzifix auf dem Altar im Kölner Dom.

Kommentar: Gutachten zu Missbrauch im Erzbistum Köln

Von Christina-Maria Purkert

Ein Jahr ist vergangen seit erstmals ein unabhängiges externes Gutachten zum Umgang mit sexueller Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Köln veröffentlicht werden sollte. 

War das nun das glückliche Ende einer langen Geschichte oder doch der tragische Ausgang? Beides aus Sicht des Erzbistums. Weder noch aus Sicht der Betroffenen. Kardinal Rainer Maria Woelki wird durch das Gutachten vollständig entlastet.  

Christina-Maria Purkert - Portrait

Christina-Maria Purkert ist als Redakteurin bei WDR3 für die Sendungen Jüdisches Leben und Lebenszeichen zuständig.

Zwei Vorgänger und vier frühere Generalvikare werden seit 1975 belastet. Ein Kölner Weihbischof, der heute von seinen Aufgaben entbunden wurde, bietet direkt nach der Vorstellung des Gutachtens dem Papst seinen Rücktritt an. Der Erzbischof kann feststellen, dass er sein Versprechen, Verantwortliche zu ermitteln und zu benennen, gehalten hat. Und kündigt weitere Konsequenzen an.

Der Gutachter kann in Anspruch nehmen, dass er seinen Auftrag der Aktensichtung und Prüfung auf Pflichtverletzung penibel erfüllt hat. Andere Fragen, wie strukturelle Ursachen für sexuelle Gewalt von Klerikern, werden wegen Nichtzuständigkeit ausgeklammert.

Darunter auch die Frage, warum Vergehen bei katholischen Geistlichen bisher weniger stark geahndet wurden als bei Laien und ob das Zölibat und die mangelnde Macht von Frauen in der katholischen Kirche eine Ursache für Missstände sein könnten. 

Alles Fragen, die an der Basis längst unauflöslich mit der Aufarbeitung sexueller Gewalt im Rahmen der katholischen Kirche verknüpft werden. Sie bestimmen die Reformdebatten auf dem gemeinsamen Synodalen Weg von Laien und Bischöfen.

Solange das Erzbistum diese Probleme und moralische Verfehlungen nicht benennt, wird auch das neue Gutachten nicht das Vertrauen in die Institution Kirche wieder herstellen können. Niemand wird einen vereinbarten Austrittstermin absagen. 

Denn mit dem Gutachten sind zwar ein paar Perspektiven für bessere Aufarbeitung, Anerkennung und Prävention sexueller Gewalt benannt worden, aber die große Befreiung durch die Wahrheit, die Kardinal Woelki angekündigt hatte ist ausgeblieben.

Die Schuld einzelner Bischöfe und Mitarbeiter einzugestehen, bedeutet nicht institutionelle Verantwortung zu übernehmen.  Mit weniger werden aber, weder die Betroffenenverbände, noch die vielen enttäuschten Katholikinnen und Katholiken ihr Vertrauen in die Institution Kirche erneuern.

Stand: 19.03.2021, 09:52

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