Beton-Expressionist: Kölner Architekt Gottfried Böhm ist tot

Beton-Expressionist: Kölner Architekt Gottfried Böhm ist tot

Von Insa Moog

Er hat Beton gefaltet wie Papier oder ganze Wände zersplittern lassen wie Kristall. Der Kölner Architekt Gottfried Böhm, der über 70 Kirchen gebaut hat, ist im Alter von 101 Jahren gestorben.

In Velbert-Neviges steht Welt-Architektur. Mit seiner Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens" hat sich Gottfried Böhm dort ein Denkmal gesetzt.

Der komplexe, viergeschossige Betonbau mit aufwändigem Faltdach und angeschlossenem Pilgerheim gilt vielen als Böhms Meisterstück: "Was innen gefühlte Bewegung des Raumes ist, ist außen aufgebauter, unregelmäßiger Kristall", schreibt Architekten-Kollege Manfred Speidel über Böhms Bau.

Der kantige Betonbau, der oft mit einem Felsenmassiv oder einem gigantischen Zelt verglichen worden ist, überragt die Innenstadt des Städtchens. Seit Fertigstellung und Weihe der Kirche im Jahr 1968 lockt sie auch Architekturpilger nach Velbert.

Gottes- und Rathäuser

Die Hängedeckenkonstruktion aus Beton in Neviges ist ein Ergebnis zahlreicher Experimente Böhms, die ihn schon als Student beschäftigen und die er später vor allem im Kirchenbau nutzt. 70 Gotteshäuser plant und realisiert Gottfried Böhm, die meisten von ihnen stehen in der Region.

Zu seinen wichtigsten Werken werden außerdem das Rathaus in Bensberg (1968) und das 2006 fertiggestellte Hans-Otto-Theater in Potsdam mit seiner Dachkonstruktion aus leuchtend roten Stahlbetonbetonschalen gezählt. Gottfried Böhm selbst gilt als einer der bedeutendsten und vielseitigsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit.

Erlebte Geschichten: Gottfried Böhm (18.01.2015)

WDR 5 Erlebte Geschichten 18.01.2015 Verfügbar bis 30.12.2099 WDR 5


Vater als Vorbild

Dass Böhm Architekt wird, ist praktisch eine Familienangelegenheit. Sein Elternhaus verlässt er nur für seine kurze Zeit an der Front und für die Dauer seines Studiums in München. Im vom Vater geplanten Haus in Köln-Marienburg richtet er sich gleich nach dem Krieg sein Büro ein.

Der berühmte Kirchenbaumeister Dominikus Böhm bleibt zeitlebens eines der wichtigsten Vorbilder für Sohn Gottfried: in seinem Wirken als Architekt - und in seinem Auftreten als Familienpatriarch.

"Es war bei mir so, dass ich dachte, das schaffst du nie so wie der Vater, wie das so ist bei den Söhnen", sagt Gottfried Böhm 2009 im Gespräch mit WDR 5. Die Suche nach der eigenen Berufung muss ebenso leicht wie schwer gewesen sein.

Der Vater ebnet ihm die entscheidenden Wege und spielt ihm mithilfe seiner Kontakte die ersten wichtigen Aufträge zu. Aber das Genie von Böhm Senior setzt auch die Maßstäbe für den Junior.

Burg Bensberg und modernes Rathaus vor dem Barockschloss

Burg Bensberg und modernes Rathaus vor dem Barockschloss

Einziger deutscher Pritzker-Preisträger

Dennoch: Es ist Gottfried Böhm, der im Jahr 1986 als bisher einziger deutscher Architekt den renommierten Pritzker-Preis, den Nobelpreis für Architektur, erhält. "Böhms Oeuvre (...) ist der eigene Weg, die Hingabe an die eigene, einsame Vision", urteilt damals die "Welt".

West ART Meisterwerke: Gottfried Böhm: Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens" - Velbert-Neviges Westart 25.09.2012 04:59 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR

Seine erste Schaffensphase ist in enger Orientierung am Vater vor allem von Sakralbauten geprägt. Dominikus Böhms Hang zu auffälligen, geradezu "pathetischen Schattenspielen" – so die FAZ - führt er zunächst fort.

1947 vollendet Gottfried Böhm mit der Kapelle "Madonna in den Trümmern" in den Ruinen der Kölner St.-Kolumba-Kirche sein erstes Bauprojekt.

Der Kirchenbau wird seine Leidenschaft, von Moden lässt er sich nicht beeindrucken. Ironie oder verspielte Details lehnt er ab und wagt stattdessen immer wieder das Monumentale.

Etwa, als er in den 1960er Jahren, beinahe zeitgleich mit der Fertigstellung der Wallfahrtskirche von Neviges, mit dem neuen Bensberger Rathaus eine wuchtige Betonburg in den historischen Stadtkern setzt – ein "Paukenschlag" (Kölnische Rundschau) und zugleich Böhms erster nicht-kirchlicher Bau.

Von der Transzendenz zur Transparenz

Den späteren Benutzern und ihrem Wohlbefinden, dem Leben selbst, widmet Gottfried Böhm seine Baukunst. Unaufgeregt, geradezu bescheiden äußert er sich über Inspirationen und Visionen für seine Arbeit.

Der Mensch Gottfried Böhm ist "von kühler Zurückhaltung und Nachdenklichkeit, gleichzeitig natürlich und urwüchsig", urteilt die FAZ. Sein Werk lässt sich keiner eindeutigen architektonischen Stilrichtung zuordnen.

Er baut Gebäude für die Gemeinschaft, für die Öffentlichkeit, darf sogar ganze Stadtviertel planen. So den sozialen Wohnungsbau in Köln-Chorweiler (1969 - 1975), jene Häuserzeilen mit ihren roten Balkonen, die ein Gegenentwurf zu den Kirchen- und Verwaltungsbauten sind, die Böhm zuvor schuf.

Favorisiert er zunächst den schweren, wenn auch vielseitigen Beton, gibt er für seine Bibliotheken, Museen und Theater später Glas und Stahl den Vorzug. Sein "Sinn für Transzendenz löst sich auf in Transparenz", diagnostiziert "Die Zeit".


Lehrling des Vaters

Geboren wird Gottfried Böhm am 23. Januar 1920 in Offenbach am Main. Sechs Jahre später zieht die Familie Böhm nach Köln, Dominikus Böhm hatte den Ruf als Professor für Sakrale Kunst an die Kölner Werkschulen erhalten.

1934 zieht er sich aufgrund der veränderten wirtschaftlichen und politischen Situation unter den Nationalsozialisten vom Lehrbetrieb zurück und verlegt sein Büro in das Familienhaus.

Der Austausch zwischen Vater und Sohn wird wohl auch dadurch besonders intensiv: Gottfried ist im Arbeitszimmer seines Vaters stets willkommen, darf sogar mitzeichnen.13 Jahre ist er damals alt. "Ich durfte bei den Fenstern, die er damals machte, für Dülmen und Riehl, die Farben mit anlegen", berichtet er dem WDR.

Doppelstudium in München

Trotzdem will er sich mit einem Studium der Bildhauerei zunächst vom Vater abgrenzen. Dominikus Böhm lehnt nicht grundsätzlich ab, rät ihm aber auch, "in die Architektur reinzugucken".

Es wird ein Doppelstudium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste und Architektur in München. Seine Liebe zum plastischen Gestalten zeigt er später auch beim Modellieren seiner berühmten Faltkonstruktionen.

Begegnungen in New York

Der Kontakt zum Vater, der zu Kriegszeiten ein Haus in der Nähe von München bewohnt, bleibt eng. Dominikus Böhm macht Gottfried mit dem Werk des deutschen Architekten Ludwig Mies van der Rohe und dem schweizerisch-französischen Kollegen Le Corbusier  vertraut.

Ein Bewunderer Dominikus Böhms, ein Franziskanerbruder, der ebenfalls Architekt ist, lädt Gottfried Böhm 1951 zu einem halbjährigen Aufenthalt in New York ein.

In den USA trifft Böhm erstmals auf Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe. "Ein großes Ereignis für mich als jungen Kerl, der hat mich schon sehr beeindruckt, der Mies. Und menschlich noch mehr der Gropius", erklärt er später.

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Spuren im ganzen Rheinland

Inspiriert von Begegnungen und Gesehenem kehrt er nach Deutschland zurück und beginnt zunächst mit Unterstützung des Vaters seine eigene Karriere. Dominikus Böhms Architekturbüro übernimmt er ab 1955 komplett, von 1963 bis zu seiner Emeritierung 1985 lehrt Gottfried Böhm Stadtbereichsplanung und Werklehre an der RWTH Aachen.

Gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth, ebenfalls Architektin, realisiert Gottfried Böhm 1996 die WDR-Arkaden in der Kölner Innenstadt, ein sechsgeschossiger Bürobau mit integrierter Passage. Die einzelnen Gebäudeteile wirken wie gegeneinander verschoben, die Fassade erinnert an Arkaden.

"Wer durch das Sendegebiet des WDR fährt, wird immer wieder auf Gebäude stoßen, die unverwechselbar die Handschrift Gottfried Böhms tragen. Seine Fähigkeit, den Charakter eines Ortes und die Funktion eines Gebäudes in eine faszinierende skulpturale Formensprache zu übersetzen, hat die Gegenwartsarchitektur bereichert und mitgeprägt", sagte WDR-Intendant Tom Buhrow. "Der wache Blick, mit dem er seine Umwelt durchdrungen hat, ist auch für uns Journalist*innen vorbildhaft. Dass nicht wenige WDR-Mitarbeiter*innen in der inspirierenden Atmosphäre eines echten Böhm-Gebäudes arbeiten, erfüllt uns mit Stolz."

Architektur als Familienangelegenheit

Das Ehepaar Böhm hat vier Söhne. Drei von ihnen übernehmen 2006 das Architekturbüro des Vaters – ein Familienunternehmen, dem zu seinem 95. Geburtstag ein ganzer Dokumentarfilm gewidmet wird.

Seine Leidenschaft für die Architektur hat er vererbt, vergangen ist sie ihm aber auch im hohen Alter nicht: "Ich bin meinen Söhnen dankbar, dass die mich da auch immer weiter mitwurschteln lassen", sagt er 2009 im Gespräch mit dem WDR.

Korrektur: In einer früheren Fassung dieses Beitrags hieß es, dass Gottfried Böhm die Kölner Zentralmoschee gemeinsam mit seinem Sohn Paul entworfen hat. Tatsächlich hat Paul Böhm die Moschee entworfen.

Stand: 11.06.2021, 13:56

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