Nach Karnevalsauftakt: Kölner Wirte sind sauer

Jecken feiern den Auftakt der Karnevalssession in Köln.

Nach Karnevalsauftakt: Kölner Wirte sind sauer

Von Nina Magoley

Nach dem Start der Karnevalssession in Köln sind viele Kneipenwirte sauer: Einige hatten geöffnet, andere nicht. Richtig wohl war wohl kaum einem dabei. Die gebeutelte Branche vermisst ein politisches Konzept.

Karnevals-Fans haben den 11.11. genutzt - soviel ist sicher beim Anblick der Bilder aus Köln oder Düsseldorf: Menschenmassen dicht gedrängt zum Beispiel auf der Zülpicher Straße, einer beliebten Feiermeile in Köln, ausgelassene Stimmung in den Kneipen. Viele glückliche Gesichter waren da zu sehen.

Auch für viele Gastwirte war es so gesehen ein glücklicher Tag gestern. Nach Monaten existenzbedrohenden Lockdowns und zögerlicher Öffnung unter Corona-Maßnahmen floss das Bier endlich wieder in Strömen, klingelten die Kassen. Für viele Kneipen im Rheinland ist der 11.11. normalerweise einer der umsatzstärksten Tage des Jahres.

Aber nicht alle wollten mitfeiern. Unter Kölner Gastronomen hatte es schon in den Tagen zuvor hitzige Diskussionen gegeben darüber, wie man sich angesichts rasant steigender Infektionszahlen am besten verhalten sollte.

"Risiko zu groß"

Auch Helmut Köhnlein, Besitzer der Bar "Pegel" im hippen Belgischen Viertel Kölns, macht am 11.11. gewöhnlich einen Umsatz wie sonst in einer "kompletten richtig guten Woche", wie er sagt. Dennoch hatte er im letzten Moment beschlossen, seinen Laden nicht zu öffnen.

So viele Leute auf engem Raum - angesichts der Coronalage war ihm das Risiko zu groß: "Wenn der Laden voll ist und es kommt ein Infizierter rein, besteht die Gefahr, dass sich der ganze Laden ansteckt - mein Personal, ich selber, meine Stammgäste."

Während nur ein paar hundert Meter weiter die Massen feierten, blieben in seiner Kneipe gestern die Stühle hochgestellt. Auch andere einschlägige Kölner Karnevalskneipen blieben am Donnerstag geschlossen.

Gespaltene Meinungen zum Kölner Karnevalsauftakt Tagesthemen 29.06.2021 03:43 Min. Verfügbar bis 12.11.2022 Das Erste

"Mir graut es ein wenig vor dem, was da auf uns zurollt"

Er respektiere die Entscheidung eines jeden, geschlossen zu halten, schreibt Tobias Mintert, Besitzer unter anderem der Kölner "Barracuda Bar", auf Facebook. Auch er habe "den Impuls gehabt, ebenfalls zu verzichten, denn auch mir graut es ein wenig vor dem, was da auf uns zurollt".

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Sein Gegenargument aber: Hätte er nicht geöffnet, wäre sein Personal vermutlich "an dem unverhofft freien Tag ebenfalls in Köln unterwegs" gewesen, vielleicht in einer anderen Kneipe. Auch die ausgebliebenen Gäste hätten sich in anderen Lokalen eingefunden, meint er, "das Risiko, sich zu infizieren, wäre identisch hoch oder sogar höher".

Klares Konzept der Stadt fehlte

Entweder "alle oder keiner", stellt Mintert bitter fest: Die Entscheidung, den 11.11. abzusagen, hätte von offizieller Seite getroffen werden müssen, um Wirkung zu haben. Oder aber die Stadt hätte ein klares Konzept für den Tag erstellen müssen: Am 10. und 11.11. Tests für Alle. Plastikbändchen ans Handgelenk für die negativ Getesteten, die dann Zugang zu allen Kneipen gehabt hätten. Damit hätte man das Risiko erheblich reduzieren können. "Das wäre teuer und aufwendig", schreibt Mintert, "aber vor allem wäre das wirksam". Die Gastronomen hätte man so "vor einem logistischen Himmelfahrtskommando bewahrt".

Stadt Köln sagte Runden Tisch ab

Ein klares Konzept vonseiten der Stadt - genau das aber sei nicht passiert, kritisiert auch "Pegel"-Wirt Helmut Köhnlein. Den eigens angekündigten "Runden Tisch" mit den Gastronomen zum 11.11. habe die Stadtverwaltung kurzfristig abgesagt - wegen angeblichem Mangel an Redebedarf. Stattdessen ordnete Oberbürgermeisterin Henriette Reker drei Tage vorher lediglich eine 2G-Regelung an.

Helmut Köhnlein, Wirt "Pegel" Köln

Stellt die Stühle hoch: Kneipier Helmut Köhnlein

"Hätte es von der Stadt her eine generelle Absage für alle gegeben, wären viele Wirte einverstanden gewesen", ist sich Köhnlein sicher. Denn das hätte die Chance impliziert, dass das Geschäft in den nächsten Monaten einigermaßen normal weiter läuft. So aber ist unklar, welche Auswirkung die Massenveranstaltungen am 11.11. auf die Infektionslage haben werden. Köhnlein kann nur den Kopf schütteln: "Ich bin fassunglos."

Fassungslos über die Politik

Fassungslos sei er vor allem auch darüber, wie die Politik weiterhin zulasse, dass die Ungeimpften "alles gefährden". Neun Monate Lockdown stecken nicht nur ihm in den Knochen. Nur mithilfe der Überbrückungsgelder und der Unterstützung der Familie sei er über die Runden gekommen. "Wir haben so viele Opfer gebracht, jetzt sind endlich die dran, die alles gefährden."

Städtische Ordner kontrollierten nachlässig

Die Interessensgemeinschaft Köln Gastro schrieb am Freitagmorgen auf Facebook einen bitteren Appell an die Politik. Die Gastronomie, heißt es darin, sei "ihrer Verantwortung gerecht geworden, viele haben beim Einlass zusätzlich einen Schnelltest gefordert und alles kontrolliert, manche haben sogar freiwillig geschlossen gehalten." Währenddessen sei es im öffentlichen Raum "gefährlich eskaliert", die von der Stadt gestellten Ordner hätten die Menschen "ohne jeden Nachweis" auf die Feiermeilen gelassen.

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Dehoga lehnt neuen Lockdown ab

Jetzt herrscht vor allem die Angst davor, wie es weiter geht. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) erklärte am Freitag, er lehne trotz der vierten Corona-Welle mit Rekordinzidenzen einen neuen Lockdown ab. "Es muss sichergestellt sein, dass unsere Betriebe jetzt dauerhaft geöffnet bleiben", sagt Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges auf RTL. Einen erneuten Lockdown würde die Branche vor allem mental und emotional nicht überleben.

Stand: 13.11.2021, 10:40

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