Turbo beim Klimaschutz: Wie viel Tempo ist überhaupt noch möglich?

Ein Kohlekraftwerk und Windräder produzieren Strom. Rauchsäulen steigen auf.

Turbo beim Klimaschutz: Wie viel Tempo ist überhaupt noch möglich?

Von Nina Magoley

Kurz vor der Weltklimakonferenz legt die UNO einen alarmierenden Bericht vor: Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssten die Staaten ihre Klimaschutzbemühungen versiebenfachen. Ist das zu schaffen?

Mit den derzeitigen nationalen Klimaschutz-Plänen lasse sich der Treibhausgas-Ausstoß bis 2030 nur um 7,5 Prozent reduzieren, heißt es im Bericht des UN-Umweltprogramms Unep vom Dienstag.

Um das Ziel im Pariser Klimaabkommen zu erreichen, die Erderwärmung bis zum Jahr 2030 auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen, müsse sich der weltweite CO2-Ausstoß aber um 55 Prozent verringern, sagt der neueste Bericht - sieben Mal mehr als bisher angenommen. Selbst für das 2-Grad-Ziel wäre demnach eine Reduktion um 30 Prozent erforderlich - und das in acht Jahren.

"Die Welt muss aufwachen", warnte Unep-Exekutivdirektorin Inger Andersen.

Ist eine "Versiebenfachung" der Klimaschutzbemühungen überhaupt noch möglich?

Ja, sagt Wolfgang Obergassel, Co-Leiter des Forschungsbereichs Internationale Klimapolitik beim Wuppertal Institut für Klimaforschung. Was die notwendige Technologie und auch die Kosten angeht, sei es durchaus noch möglich, "das Ruder herumzureißen". Das Problem sei vielmehr die Politik: "Derzeit erleben wir noch zu viele politische Widerstände." Während beim Ausbau der Erneuerbaren Energien jetzt eigentlich Tempo gefragt sei, habe die Politik bislang eher "Bremsklötze" eingebaut.

Wo ist noch Luft nach oben beim Klimaschutz?

Angenommen, die Politik würde den Weg freimachen, gäbe es nach Obergassels Ansicht rein technisch noch deutliche Ausbaumöglichkeiten in verschiedenen Bereichen:

  • Gebäudesanierung: mehr und bessere Maßnahmen, um den Energiebedarf beim Heizen deutlich zu senken.
  • Verkehr: schnellerer Abschied vom Verbrennungsmotor - Fokus auf ÖPNV, Fahrradfahrer und Fußgänger.
  • Industrie: Bei der Herstellung von Stahl oder Zement lässt sich mit den richtigen Technologien noch viel mehr CO2 einsparen.
  • Landwirtschaft: mehr Förderung von ökologischem Anbau.

Wie groß ist die Hoffnung, dass sich etwas ändert?

Eine Gruppe von Jugendlichen hält bei einer Fridays for Future Demo Schilde und Plakate hoch.

Bewusstsein geschaffen: Fridays for Future Demo

Grundsätzlich sei er "hoffnungsvoller, als noch vor zwei, drei Jahren", sagt Wissenschaftler Obergassel. "Weil das Thema Klimaschutz mittlerweile deutlich mehr Relevanz hat." Nicht unerheblich dazu beigetragen hätten die Proteste von Fridays for Future, die große Teile der Bevölkerung "mobilisiert" hätten.

Außerdem würden die Konsequenzen eines fortschreitenden Klimawandels für alle immer deutlicher sichtbar. "Aber auch die Lösungen werden immer sichtbarer", sagt Obergassel.

Zieht die Industrie mit?

Im Gegensatz zu einigen politischen Parteien seien die großen Industrieunternehmen längst "sehr offen" für einen Umbau in Richtung klimafreundlicher Technologien, beobachtet der Wissenschaftler.

Kurz vor Beginn der Koalitionsverhandlungen hatte VW-Chef Herbert Diess auf Twitter "10 Wünsche" an die Parteien für klimapolitische Reformen formuliert. Darunter war zu lesen: "Ausstieg aus der Kohle deutlich vorziehen", "CO2-Preis von 65 Euro pro Tonne schon in 2024. Nur spürbare Maßnahmen bringen die Dekarbonisierung voran."

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Allerdings ist diese neue, plötzlich umweltfreundliche Strategie für VW besonders nach dem Diesel-Skandal auch alternativlos, da der Konzern sich auf die Produktion von E-Autos fokussieren will und diese auch verkaufen muss.

Aber auch der Essener Stahlkonzern Thyssen-Krupp kündigte vor wenigen Tagen an, ab 2030 weltweit klimaneutral arbeiten zu wollen. Am Standort Krefeld soll das schon 2024 der Fall sein. Auf dem Plan stünden Energie-Effizienzprogramme, der Wechsel auf Ökostrom, Investitionen in Photovoltaik und Umstellung auf LED-Beleuchtung. "Erste Chargen" C02-reduzierten Stahls seien bereits hergestellt. Den Kunden gehe es "verstärkt um Nachhaltigkeit", stellt das Unternehmen fest.

Sind die Klimaziele überhaupt bezahlbar?

Die Diskussion darüber, ob eine bessere Klimapolitik bezahlbar sei oder nicht, habe er bislang als "teils verzerrt" erlebt - besonders auch vor der Bundestagswahl in den TV-Triells, sagt Wuppertal-Forscher Obergassel. Die jüngste Hochwasserkatastrophe habe gezeigt, dass "ein einziges Extremwetterereignis den Bundeshaushalt 30 Milliarden Euro kostet", um die Schäden aufzufangen. "Das muss man immer gegenrechnen."

Studien hätten gezeigt, dass ein Ausstieg aus der Kohle zu besserer Luft und damit mehr Gesundheit bei den Menschen führe, was wiederum das ökonomische System entlaste.

Die WHO hatte in einer Studie vorgerechnet, dass die "Einsparungen" durch gesündere Menschen die Kosten für Klimaschutzmaßnahmen überwiegen würden.

Stand: 26.10.2021, 20:32

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