Abschied vom Wirtschaftswachstum - aber wie?

 New York: Die Klimaaktivistin Greta Thunberg nimmt am UN-Klimagipfel bei den Vereinten Nationen teil.

Abschied vom Wirtschaftswachstum - aber wie?

Greta Thunberg hat beim UN-Klimagipfel das Wirtschaftswachstum kritisiert. Aber wie könnte eine nachhaltigere Wirtschaft aussehen und welche Folgen hätte sie?

"Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens, und alles, worüber ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen von einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum." Das sagte Greta Thunberg beim UN-Klimagipfel. Aber wie realistisch ist der Verzicht auf Wachstum? Ein Interview mit WDR-Wirtschaftsredakteur Ulrich Ueckerseifer.

WDR: Wie realistisch ist die Vorstellung, Abschied zu nehmen vom Wirtschaftswachstum?

Ulrich Ueckerseifer: Das wäre ein ziemlich großer Schritt, denn im Grunde basiert unser Wirtschaftssystem auf Wachstum seit der Zeit der industriellen Revolution, also seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

Ulrich Ueckerseifer

WDR-Wirtschaftsredakteur Ulrich Ueckerseifer

Allerdings geht das Wachstum in den Industrieländern seit Jahren tendenziell zurück. Das ist ein ganz natürlicher Prozess. Wir haben aber immer noch die Kopplung von Wachstum an einen hohen Ressourcenverbrauch - hart ausgedrückt könnte man von Raubbau sprechen.

WDR: Wie könnte eine Weltwirtschaft ohne Wachstum funktionieren?

Ueckerseifer: Etwa in Form einer gelenkten Marktwirtschaft. Salopp gesagt: ein bisschen wie China, aber ökologisch. Es müsste sehr starke Vorgaben geben, man würde sehr starke Grenzen setzen, man dürfte keine Umweltverschmutzung mehr produzieren. Dann wird es aber viele Güter nicht mehr geben. Je strenger die Umweltregulierung, umso eingeschränkter ist das Wirtschaftswachstum. Das setzt eine hohe Verzichtbereitschaft der Bevölkerung voraus.

UN-Klimagipfel: "Aussitzen geht nicht mehr"

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 24.09.2019 02:32 Min. Verfügbar bis 23.09.2020 WDR 5 Von Antje Passenheim

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WDR: Welche Gegenargumente führen Ökonomen ins Feld, die Wachstum weiter für notwendig halten?

Ueckerseifer: Die Mehrheitsmeinung der deutschen Ökonomen, die überwiegend konservativ sind, geht dahin, dass keine Wirtschaftsform so flexibel und widerstandsfähig ist wie der Kapitalismus. Er wird die optimalen Antworten finden. Demnach reformiert sich der Kapitalismus permanent aus sich selbst heraus und erfindet sich neu. Dann wird es halt neue Produktionsweisen geben, aber das System kollabiert deswegen nicht. Das kann man glauben oder nicht.

Neben den klassischen Ökonomen gibt es diejenigen, die umweltverträgliches Wachstum fordern. Außerdem noch die Post-Wachstums-Ökonomen, auf die sich wohl Greta Thunberg bezieht. Sie sehen Wachstum und Nachhaltigkeit als unvereinbar an.

Das Interview führte Frank Menke.

Stand: 24.09.2019, 18:36

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