Kirchenaustritte stoppen: "Wir müssen eine andere Sprache finden"

Ein Mann verlässt eine Kirche

Kirchenaustritte stoppen: "Wir müssen eine andere Sprache finden"

  • Kölner Pfarrer Nico Ballmann über Kirchenaustritte
  • Kirche müsse eine neue Sprache finden
  • Zahl der Kirchenaustritte hat ein Rekordhoch erreicht

Die Kirchen in Deutschland haben ein Imageproblem. Noch nie seien so viele Menschen ausgetreten wie derzeit - das hatten die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) kürzlich bekannt gegeben. Er könne das zum Teil sogar nachvollziehen, sagte der junge Kölner Pfarrer Nico Ballmann am Sonntag (28.06.2020) einem Interview auf dem Instagram-Kanal der Aktuellen Stunde.

Ballmanns evangelische Gemeinde in Köln-Bickendorf hat noch 12.000 Mitglieder - jede Woche aber müsse er etwa 20 Austrittsgesuche unterschreiben. "Mir tut jeder einzelne Austritt weh", sagt Ballmann. Bei den Ursachen für den Mitgliederschwund spiele die Corona-Krise nur eine kleine Rolle.

"Kein tolles Bild abgegeben"

Aktuell machten sich natürlich viele Menschen Sorgen um ihr Geld. Da wolle sich manch einer die Kirchensteuer lieber sparen - "kann ich nachvollziehen", sagt Ballmann.

Auch hätte die Kirche "in der Corona-Krise nicht gerade das tollste Bild abgegeben". Die EKD hätte beispielsweise nur davon geredet, so schnell wie möglich wieder Gottesdienste abhalten zu können. Das sei aber an der Lebenswirklichkeit vieler völlig vorbeigegangen.

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Ballmann bescheinigt den Kirchen aber ein viel tiefergehendes Problem - ganz abgesehen von den Missbrauchsskandalen und nicht gerade imagefördernden Aufdeckungen von Geldmissbrauch: "Wir müssen eine andere Sprache finden", sagt er, um wieder mehr und auch junge Menschen zu erreichen.

Derzeit befinde sich die Kirche "in einem miesen Teufelskreis": Viele wüssten nicht, "was wir alles Gutes tun" - wie zum Beispiel den Betrieb von Kitas, Jugendarbeit, Seelsorge. "Bei einem Unglück sind die Seelsorger die, die bleiben, wenn der Rettungswagen abgefahren ist." Durch die Austritte aber schwinde das Geld, um Gutes zu tun.

Rekordeinnahmen an Kirchensteuer

Immerhin hängt die Höhe der Einnahmen durch die Kirchensteuer auch von den Konjunkturlage ab: Verdienen die Steuerzahler gut, ist auch die Abgabe für die Kirche entsprechend hoch. Der Steuersatz beträgt neun Prozent der zu zahlenden Einkommensteuer, nur in Bayern und Baden-Württemberg sind es acht Prozent.So nahm die Evangelische Kirche Deutschland nach eigenen Angaben noch 2018 eine Rekordsumme von knapp 5,8 Milliarden Euro Kirchensteuern ein. Für 2019 finden sich noch keine Angaben.

Der Großteil der Einnahmen floss 2018 in "Leitung und Verwaltung". An der Finanzierung von kirchlichen Kitas beispielsweise ist die Kirche gerade mal mit 10,3 Prozent beteiligt - den größten Anteil finanzieren freie Träger, Land und Bund.

Viele wissen nicht, was mit der Kirchensteuer geschieht

Dennoch sagt Ballmann: Das Problem sei vor allem schlechte Kommunikation und mangelnde Transparenz: Viele Menschen wüssten gar nicht, wofür ihre Kirchensteuer - Ballmann nennt sie "Mitgliedsbeitrag" - genutzt würde.

Unter dem Namen "@einschpunk" ist der junge Pfarrer emsig auf Instagram unterwegs. Dort wolle er seinen Pfarreralltag zeigen, und dass er "ein ganz normaler Mensch" mit Problemen und Sorgen sei, die andere auch hätten.

Stand: 28.06.2020, 17:48

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