Mehr als tausend Kirchen in NRW vor der Umwidmung

Besucher verfolgen in der Hannoveraner Marktkirche den Gottesdienst

Mehr als tausend Kirchen in NRW vor der Umwidmung

Von Claudia Wiggenbröker

  • Ein Viertel der 6.000 NRW-Kirchen könnte umgewidmet werden
  • Umwidmungen für Pfarrer und Gemeinde schmerzlich
  • Expertin: Kirchen "Identitätsmarker" auch für nicht-religiöse Menschen

Noch heute wühlt Pfarrer Harald Niemietz die Erinnerung an seinen letzten Gottesdienst in der Alten Kirche Wupperfeld auf. "Das war für mich wie die Beerdigung eines Verwandten", erzählt er.

Fünf Jahre ist das nun her. "Das ging mir einfach nahe. In 26 Jahren verwächst man mit so einem Gebäude." Er war dort nicht nur lange Pfarrer, sondern hat auch in der Kirche geheiratet, seine Kinder wurden dort getauft. Doch dann wurde die Alte Kirche verkauft.

Wir stellen vor: Die Webseite "Zukunft - Kirchen - Räume"

WDR 3 Mosaik 14.02.2019 04:30 Min. Verfügbar bis 14.02.2020 WDR 3

Download

"Ein Ort für alle Menschen"

Die Landesinitiative Stadt Bau Kultur NRW 2020 geht davon aus, dass von den 6.000 Kirchen in NRW bis 2030 rund ein Viertel geschlossen werden muss. Nachdem mehrere Gemeinden zu einer zusammengelegt worden waren, war die Alte Kirche Wupperfeld eine von drei Kirchen.

Als klar war, dass gespart werden und ein Gebäude verkauft werden muss, fiel die Wahl auf sie. Derzeit wird sie zu einem Veranstaltungsort umgebaut - allerdings dauerte es, bis ein geeigneter Käufer gefunden war. Denn die neue Nutzung einer Kirche sollte christlichen Werten nicht zuwider laufen.

Umnutzung kann ein Widerspruch sein

Isolde Karle

Kirchen seien auch wichtig für nicht-religiöse Menschen, sagt Uni-Professorin Isolde Karle.

Isolde Karle ist Professorin für Praktische Theologie an der Uni Bochum. Sie findet es befremdlich, wenn beispielsweise ein feines Restaurant in ein Gotteshaus einzieht. "Eine Kirche ist eigentlich ein Ort für alle Menschen. Und plötzlich befindet sich in diesem Zufluchtsort ein Restaurant, dass sich nur wenige Prozent leisten können? Das widerspricht allem, wofür Kirche steht."

Kirche als "Identitätsmarker"

Pfarrer Niemietz meint, es habe auch Vorteile, dass sich die Gemeinde nun in einer anderen Kirche zusammenfindet: Die Bänke seien voller, es gäbe neue Ideen. Unter anderem werden mittlerweile Gottesdienste unter freiem Himmel gefeiert.

Alle Kirchengänger konnte man allerdings nicht von der fusionierten Gemeinde überzeugen. Viele gehen nun in Nachbargemeinden. "Manche Ältere können aufgrund der weiteren Distanz zu der neuen Kirche nicht mehr kommen. Und manche, die kommen könnten, wollen nicht - aus Wut und Ärger."

Natürlich tue engagierten Mitgliedern eine Umwidmung besonders weh, erklärt Isolde Karle. "Aber auch für jene, die gar nicht in die Kirche gehen, ist sie ein wichtiger Identitätsmarker." Sobald die Menschen ihren Kirchturm sehen, wüssten sie, dass sie Zuhause sind.

Neues Innenleben für alte Gotteshäuser

Ob Konzertsaal, Kletterhalle oder Wohnraum - viele leer stehende oder vom Abriss bedrohte Kirchenräume in NRW wurden umfunktioniert. Jetzt wird hier auch schon mal getanzt, gearbeitet oder einfach gewohnt.

Kletterwände in einer Kirche

Kletterhalle: Die ehemalige Pfarrkirche St. Peter in Mönchengladbach ist heute Deutschlands erste Kletterkirche. Auf 1.300 Quadratmetern können Besucher hier Steilwände erklimmen.

Kletterhalle: Die ehemalige Pfarrkirche St. Peter in Mönchengladbach ist heute Deutschlands erste Kletterkirche. Auf 1.300 Quadratmetern können Besucher hier Steilwände erklimmen.

Einsteiger können hier erst einmal harmlos anfangen, für Fortgeschrittene geht es in die 13 Meter hohe Kirchenwand hinein.

Wohnhaus: Barrierefreie Wohnungen entstanden in der ehemaligen Kirche Maria Königin in Dülmen. Dafür bekam das Projekt den NRW-Landespreis 2012 für Architektur, Wohnungs- und Städtebau.

Auch in Mönchengladbach wurde ein Kirchenraum zu Wohneinheiten umgebaut - ein gläserner Fahrstuhl führt zu den Wohnungen, die über offene Galerien zu erreichen sind. Die Wohnungen liegen in den ehemaligen Seitenschiffen, im Chorraum und im Querhaus der ehemaligen Herz-Jesu-Pfarrkirche.

Künstlertreff: Die Auferstehungskirche in Köln wurde 2005 im Rahmen des Modellprojektes "Kirchenumnutzung NRW" renoviert. An Sonn- und Feiertagen wird sie von der evangelischen Gemeinde genutzt.

Das ehemalige Kölner Kirchengebäude ist heute aber auch Begegnungsstätte und Künstlertreff - sowie bei der Veranstaltung "Eight Days a Week", bei der Künstler aus Köln und Liverpool ein vielfältiges Programm gestalteten.

Konzertsaal: Das "Anneliese Brost Musikforum Ruhr" in Bochum ist ein Konzerthaus für die Bochumer Symphoniker und stellt auch gleichzeitig einen Saal für die städtische Musikschule zur Verfügung.

 Die ehemalige St.-Marien-Kirche dient als Foyer für beide Säle.

Kulturkirche: In der Kölner Lutherkirche finden regelmäßig Konzerte, Lesungen und Kabarett statt. Auch der Rockpalast war schon zu Gast.

Die würfelförmigen Zimmer wurden von 60 Designstudenten der Fachhochschule Aachen konzipiert. Hunderte Gäste übernachteten im ehemaligen Kirchenschiff. Arbeitslose Flüchtlinge betrieben für drei Monate das temporäre Hotel samt Bar.

Stand: 08.06.2019, 06:00

Aktuelle TV-Sendungen