Erschütterung nach Gutachten: "Das hätte ich dem Papst nicht zugetraut"

Stand: 21.01.2022, 20:00 Uhr

Enttäuschung. Genugtuung. Tiefe Zweifel an der Institution der katholischen Kirche. Und vor allem: Der Ruf nach Konsequenzen und Erneuerung. Die Veröffentlichung des Gutachtens zu sexualisierter Gewalt an Kindern sorgt für heftige Reaktionen.

"Das hat mich schon mitgenommen, also dem Papst hätte ich das nicht zugetraut", sagt die 80-jährige Marianne aus Gelsenkirchen. Ihre ganze Familie sei römisch-katholisch erzogen worden, ihre Söhne waren Messdiener, ihr Leben lang ist sie in die Kirche gegangen, sei es nur um eine Kerze anzuzünden.

Aber das Gutachten aus München, dass vor allem auch den emeritierten Papst Benedikt belastet, der demnach mehr gewusst haben soll, als er zugibt, hat den Abstand zur Institution Kirche nochmal vergrößert.

"Die katholische Kirche ist so verlogen", sagt sie. "Ich habe da keine Achtung mehr vor." Austreten wolle sie nicht, aber Kontakt zu einem Seelsorger genausowenig.

Enttäuschung und Resignation bei Gemeindemitgliedern

Sabine Grimpe vor einer Kirche | Bildquelle: WDR/Christian Schweizer

"Ich war enttäuscht und gleichzeitig auch resigniert", so beschreibt Sabine Grimpe, Pastoralreferentin der St. Jakobus Gemeinde in Ennigerloh ihre Gefühle, als sie die Nachricht vom Gutachten in München erreichte. "Dass jetzt immer wieder neue Fälle aufgedeckt werden, sorgt auch für viel Wut", so Grimpe.

"Wir an der Basis versuchen Christ-Sein zu leben, Gemeinde zu leben und eine Wahrhaftigkeit zu leben. Und jetzt bei den Bischöfen und beim Papst, da fehlt mir die Wahrhaftigkeit." Sabine Grimpe, Pastoralreferentin der St. Jakobus Gemeinde in Ennigerloh

Man bemühe sich gute Arbeit zu machen und dann tue es weh, es enttäusche. "Und der Gedanke kommt, lohnt sich das überhaupt noch. Wir als Gemeinde, als Kirche verlieren immer mehr Menschen, die uns wichtig sind und trotzdem bemühen wir uns weiter, was uns immer schwieriger gemacht wird." Aber noch brenne dieses Feuer für Kirche und Gemeinde in ihr. "Und so lange ich hier auf Menschen treffe, die das gemeinsam mit uns wollen, dann geht es auch für mich weiter", sagt Grimpe.

"Opfer bekommen nicht genug Gehör"

Annegret Walkenhaus-Forner sitzt an einer Orgel. | Bildquelle: WDR/Christian Schweizer

"Betroffen macht mich vor allem der Gedanke an diejenigen, denen das angetan wurde", sagt Annegret Walkenhaus-Forner, Organistin in der Gemeinde Ennigerloh. Die Opfer bekämen einfach nicht genug Gehör.

"Ich hoffe, dass man das gut aufarbeitet, vielleicht außerkirchlich, dass die Leute zur Rechenschaft gezogen werden und dass man daraus lernt. Dass man nicht Priester, die so etwas getan haben, einfach woanders hin versetzt, ich finde, die gehören da nicht mehr hin." Annegret Walkenhaus-Forner, Organistin in der Gemeinde St. Jakobus Ennigerloh

Wut und Verunsicherung in der Jugendarbeit

"Das macht uns wütend": Julia Niedermeyer | Bildquelle: privat (Julia Niedermeyer)

Auch in der Jugendarbeit herrsche eine gewisse Verunsicherung, sagt Julia Niedermayer vom Bundesverband der Katholischen jungen Gemeinde (KjG). Es kämen Anfragen von Eltern, ob die Jugendverbände und Ortsgruppen überhaupt sichere Orte für ihre Kinder und Jugendlichen seien. Ob sie ihre Kinder wirklich mit ins Zeltlager schicken könnten. "Das macht uns unheimlich wütend", sagt Niedermayer, "wir erleben jetzt die Konsequenzen dafür, wie sich Amtsträgern in unserer Kirche verhalten und wie sie der Kirche Glaubwürdigkeit genommen haben".

In den Jugendverbänden gebe es allerdings seit Jahren schon sehr intensive Präventionsarbeit, die für ein großes Zutrauen in die JugendleiterInnen sorge. In der Vorbereitung auf  Zeltlager beispielsweise würden Kinder und Jugendliche gezielt sensibilisiert: "Sie lernen, dass sie Rechte haben, das Recht 'Nein' zu sagen, sich bemerkbar zu machen, wenn ihnen etwas komisch vorkommt. Dass Übergriffigkeiten bei uns keinen Platz haben und Meldungen darüber ernstgenommen werden."

Der Fall von Pfarrer H. in Bottrop

Wilfried Fesselmann war elf Jahre alt, als sich Peter H. als Pfarrer in Bottrop an ihm vergangen hatte. Der Priester aus dem Bistum Essen hat noch vielfach weiteren Jungen sexualisierte Gewalt angetan, bevor er dann von Verwantwortlichen in der katholischen Kirche nach Bayern versetzt wurde. Auch dort missbrauchte er seine Schützlinge. Dies ist ein Fall, der am Donnerstag in einem Gutachten in München behandelt wurde. Der damalige Kardinal Ratzinger und heutige emeritierte Papst Benedikt soll von den Vorfällen und dem Nichthandeln der Kirche gewusst haben.

"Es war wichtig, dass endlich mal die Wahrheit ans Licht kommt." Wilfried Fesselmann, Betroffener von sexualisierter Gewalt im Bistum Essen

Lange auf ein derartiges Gutachten gewartet

Endlich seien die Fälle sexualisierter Gewalt offen angesprochen, sagt Fesselmann nach der Veröffentlichung des Gutachtens. Darauf habe er wie andere Opfer schon lange gewartet. Fesselmann fordert Konsequenzen: "Wenn sich die Bistümer wirklich erneuern wollen, dann müssten alle Bischöfe gehen - die Kirche kann sich nur erneuern, wenn sie von null anfängt."

Gläubige trauern über Vertrauensverlust

Unterdessen mehren sich selbst bei tiefgläubigen Katholiken die Zweifel, das Vertrauen in Seelsorger schwindet, die Kirchenaustritte nehmen zu. Eine Gläubige sagt am Freitag bei einer Straßenumfrage des WDR in Essen über ihren Vertrauensverlust gegenüber Priestern, sie gehe jeden Sonntag in die Kirche, aber sie habe ein komisches Gefühl. "Wenn er da vorne steht, weiß ich nicht, ob er sauber ist." Viele äußern ihre Sorge, sind traurig und in ihrem Glauben erschüttert.

Kirchenrechtler Schüller: "Peinliches Stück der Verleugnung"

Thomas Schüller | Bildquelle: dpa/Rolf Vennenbernd

Der Umgang von Papst Benedikt mit den Vorwürfen sei ein "peinliches Stück der Verleugnung und Verdrängung", sagte Kirchenrechtler Thomas Schüller am Freitagmorgen im WDR Morgenecho. Schüller ist Institutsdirektor der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster.

"Das Bild, was er gerne von sich sieht und gezeichnet wissen will, das Bild vom großen heiligen Mann Gottes, wird komplett zerstört, weil er überführt wurde, dass er die Unwahrheit gesagt hat." Thomas Schüller, Institutsdirektor der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster

Der Professor frage sich jedes Semester aufs neue, "ob er es noch verantworten kann, junge Menschen auf den Dienst in der Kirche vorzubereiten". Sein Glaube an das Evangelium trage ihn, aber es falle ihm Tag für Tag schwerer.

Zweifel an der Aufklärungsarbeit der Kirche

Studien, die die Kirche in Auftrag gibt und dann veröffentlicht - oder auch nicht veröffentlicht, wie zum Beispiel in Köln - reichen vielen Gläubigen aber nicht mehr. Das Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) fordert eine unabhängige Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche.

Der religionspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lars Castelluci, sagte der "Augsburger Allgemeinen" vom Freitag, niemand könne "sich selbst aufklären - dafür gibt es unseren Rechtsstaat". Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderte ebenfalls einen stärkeren Einsatz der Politik.

Die Staatsanwaltschaft München I prüft im Zusammenhang mit dem neuen Gutachten zu Missbrauch im Erzbistum München und Freising derzeit 42 Fälle von mutmaßlichem Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger.

Stiller Protest vor dem Essener Dom

In Essen sind am Freitagnachmittag Betroffene gemeinsam mit Kirchenkritikern und einer Humanisten-Stiftung vor den Essener Dom gezogen. Rund 50 Menschen haben sich dort versammelt. Sie haben Kerzen angezündet und protestieren gegen die schleppende Aufklärung der Fälle.

Kommentare zum Thema

  • Sandra Schubert 23.01.2022, 17:31 Uhr

    Beweist doch, dass es einen Gott scheinbar nicht gibt. Sonst hätte er eingegriffen, was ihr den geringsten meiner Brüder , den Kindern, angetan habt habt ihr mir angetan. Wünschte es gäbe ihn doch dann kämen die Seelenmörder sowie ihre Schützer in die Hölle !

  • Ute Lemmerhirt 23.01.2022, 16:58 Uhr

    Eine Gesetzesänderung bei Missbrauch von Kindern ist dringend erforderlich. Missbrauchte Kinder werden von den hormonell gesteuerten Täter nicht nur physisch, sondern auf psychisch missbraucht. Ein verbal unter Druck gesetztes Kind braucht Jahre um das Geschehene mitzuteilen. Missbrauch sollte deswegen ebenso wie Mord nicht verjähren. So haben die Verbrecher immer die imaginäre Hand im Nacken. denn so können sie auch nach Jahrzehnten voll umfänglich bestraft werden.

  • Ute Lemmerhirt, La Luz 23.01.2022, 01:44 Uhr

    Antwort auf Kommentar 40: Joseph Heimpel, Florenz Katholische Hardliner sind so angefixt die kann man nicht mehr entgiften. Wer sich vor eine geschundene Kreatur mit Dornenkrone die an ein Kreuz genagelt wurde mit gefalteten Händen stellt und dieses Wesen um Hilfe bittet, solche Typen glauben auch noch an den Weihnachtsmann und den Osterhasen. Advent, Advent, ´ne Möhre brennt.