Zahl der Kirchenaustritte in NRW erreicht Rekordhoch

Stand: 27.01.2022, 12:55 Uhr

Die Zahl der Kirchenaustritte hat ein Allzeithoch in NRW erreicht. Die Entwicklung hängt wohl mit den vielen aufgedeckten Fällen von Kindesmissbrauch zusammen.

155.000 Christen sind 2021 aus den NRW-Kirchen ausgetreten. 30 Prozent mehr als beim letzten Höchststand 2019 und fast drei Mal so viele wie vor 11 Jahren, als die Statistik zum ersten Mal erhoben wurde. Aus den Zahlen des NRW-Justizministeriums lässt sich zwar nicht ablesen, wie sich die Austritte nach Konfessionen aufschlüsseln. Aber klar scheint, dass vor allem die katholische Kirche in einer tiefen Krise steckt.

So sind beispielsweise in Meinerzhagen und Arnsberg vergangenes Jahr doppelt so viele Menschen aus der Kirche ausgetreten als 2020 davor. Auch wenn man die Gründe nicht angeben muss, hielten viele Katholiken mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg: Die sexualisierte Gewalt durch Geistliche bewege sie zu dem Schritt.

Austrittswillige sehen sich durch Münchner Gutachten bestätigt

Ähnlich scheint es auch im größten deutschen Bistum, dem Erzbistum Köln, zu sein: Die Austrittszahlen schnellten in den Höhe, nachdem bekannt wurde, dass Kardinal Rainer Maria Woelki ein Gutachten zurückgehalten hatte, in dem es um den Umgang der Kirche mit Missbrauchsvorwürfen geht.

Jürgen Beaugrand | Bildquelle: WDR

Auch der Kölner Jürgen Beaugrand will nicht länger ein Mitglied der Kirche sein. Obwohl am Amtsgericht aktuell 1.500 Termine pro Monat angeboten werden, hat er lange auf seinen Austritt gewartet. Nun, da es so weit ist, packen ihn keine Zweifel. "Ehrlich gesagt kotzt mich das alles an." Seine Entscheidung ist durch das Gutachten in München letzte Woche bestätigt worden.

Kardinal Marx äußert sich zu Gutachten

Es geht auch in dieser Untersuchung um Fehlverhalten der Kirchenverantwortlichen im Umgang mit sexualisierter Gewalt an Kindern. Der damalige Kardinal Ratzinger und heutige emeritierte Papst Benedikt soll von den Vorfällen und dem Nichthandeln der Kirche gewusst haben.

Auch dem Münchener Kardinal Reinhard Marx wird Fehlverhalten in zwei Verdachtsfällen vorgeworfen. Ebenso steht die Anschuldigung der Untätigkeit im Raum – der Erzbischof habe sich trotz der Vielzahl an Meldungen in "verhältnismäßig geringer Zahl“ unmittelbar damit befasst.

Nach Missbrauchs-Gutachten: Dormagener Pfarrer verhüllt Jesus-Figuren 00:45 Min. Verfügbar bis 25.01.2023

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Marx äußerte sich am Donnerstagvormittag in einer Pressekonferenz dazu. Er werfe sich vor, dass er engagierter hätte handeln können und in einem Fall nicht aktiv auf Betroffene zugegangen zu sein, sagte Marx.

Kardinal Reinhard Marx | Bildquelle: dpa/Sven Hoppe

Marx bot dem Papst allerdings nicht ein zweites Mal seinen Rücktritt an, betonte jedoch: "Ich klebe nicht an meinem Amt." Er sagte, dass die Kirche reformiert werden müsse. "Wer jetzt noch systemische Ursachen leugnet und einer notwendigen Reform der Kirche in Haltungen und Strukturen entgegentritt, hat die Herausforderung nicht verstanden."

Reaktion laut Kirchenrechtler "enttäuschend"

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Uni Münster hat die Reaktion des Münchner Kardinals als "enttäuschend" bezeichnet. "Niemand übernimmt persönliche Verantwortung", sagte Schüller. Verantwortung werde vergemeinschaftet und die Betroffenen und Gläubigen würden in Mithaftung genommen.

Schüller sagte, es sei derzeit nicht zu erkennen, wie die Talfahrt noch gestoppt werden könnte. "Die katholische Kirche rast mit diesen Zahlen in den Abgrund ihrer Bedeutungslosigkeit." Von einer Volkskirche werde sie zur Minderheitenkirche. "Das muss nicht schlecht sein, wird aber den aktuell verantwortlichen Bischöfen viel abverlangen", sagte Schüller. 

Nur noch rund 10 Millionen Menschen in NRW sind in der katholischen und evangelischen Kirche. Jürgen Beaugrand aus Köln gehört nicht mehr dazu. Sein Austritt, auf den er lange gewartet hat, hat nur zehn Minuten gedauert. "Ich fühle mich befreit", sagt er.

Missbrauch unter journalistischer Lupe WDR 5 Politikum - Medienkolumne 26.01.2022 03:13 Min. Verfügbar bis 26.01.2023 WDR 5 Von Brigitte Baetz

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Kommentare zum Thema

  • Anzeige erstatten 29.01.2022, 11:22 Uhr

    Warum wird keine Anzeige gegen die Katholische Kirche erstattet? Jeder Täter und Mitwisser muss vor Gericht! Alles andere verharmlost die Taten!

  • Tiedemann 29.01.2022, 04:09 Uhr

    Es lebe der Zölibat.....scheiß egal, wenn daran Millionen Kinderseelen zerbrechen!!!! Warum werden die Täter nicht mit dem Klarnamen genannt. Wieso sie immer noch schützen??? DAS PERFIDE....der größt Missbrauch wir mit dem Namen Jesus Christus getrieben!!! Die Täter und die Vertuschen gehören geteert und gefedert durch die Orte geagdt, in dem sie Missbrauch begangen haben. FÜR EINE MITTELALERLICHE KIRCHE ist es völlig legitim mit MITTELALERLICHE STRAFEN ZU REAGIEREN

  • Heinz Beyer 28.01.2022, 20:21 Uhr

    Man tritt nicht vom Glauben an Gott aus ,sondern aus der verlogenen Kirchenmafia ,die seit Ihrer Gründung die Menschen .miß brauchte zur eigenen Bereicherung,auch mit Hilfe der Inquisition.