Gegen Antisemitismus: Aus Solidarität Kippa tragen

Gegen Antisemitismus: Aus Solidarität Kippa tragen

  • Bürger sollen am Samstag öffentlich Kippa Tragen
  • Aktion aus Solidarität mit Juden
  • Aufruf des Antisemitimus-Beauftragten der Bundesregierung

Gerald Beyrodt berichtet im WDR häufig über jüdische Themen - und ist selbst Jude. Wir haben mit ihm über das Kippa-Tragen in Deutschland und Solidaritätsgesten gegen Antisemitismus gesprochen.

WDR: Herr Beyrodt, sind Sie schon einmal angefeindet worden als Kippa-Träger?

Gerald Beyrodt: Nein, bisher nicht. Aber im Alltag trage ich auch keine Kippa. Ich trage in der Synagoge Kippa, auf dem jüdischen Friedhof, zu Hause bei religiösen Handlungen – auf der Straße trage ich sie nicht.

WDR: Und ihr Bekannten- und Freundeskreis?

Gerald Beyrodt - Portrait

WDR-Religionsexperte Gerald Beyrodt

Beyrodt: Da gibt es einige, die immer Kippa tragen. Die meisten ziehen sich aber im öffentlichen Raum ein Basecap darüber - mal aus Angst, mal will man nicht dumm angequatscht werden. Man hat nicht dauernd Lust, auf den Nahostkonflikt angesprochen zu werden. Das passiert Juden in Deutschland nämlich ziemlich häufig.

WDR: Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung hat kürzlich vor dem Tragen einer Kippa gewarnt. Konnten Sie das nachvollziehen?

Beyrodt: Ich habe gedacht, endlich sagt es mal einer. Es ist ein Weck- und Warnruf. Natürlich gibt es Probleme. Beispielsweise hat es 2018 in Berlin diesen Fall gegeben, wo jemand, der eine Kippa getragen hat, dafür verprügelt wurde.

Die jüdische Kippa: "Behütet vor dem Höchsten"

Die Kippa ist die traditionelle religiöse Kopfbedeckung jüdischer Männer. Gläubige Juden zeigen damit ihre Ehrfurcht und Demut gegenüber Gott: "Bedecke Dein Haupt, so dass der Segen Gottes auf Dir ruht", heißt es im Talmud. Diese Kippa, ein kleine, runde Mütze aus Stoff, wird in der Synagoge und auf dem Friedhof aufgesetzt, strenggläubige Juden tragen sie auch unter dem Hut, also ständig. Inzwischen gibt es auch immer mehr Frauen, die sie als Zeichen der Emanzipation tragen.

WDR: Es gibt also erstarkten Antisemitismus?

Beyrodt: Durch das Internet ist Antisemitismus jedenfalls sehr viel präsenter geworden. Die Menschen geben sich jetzt offener zu erkennen. Früher war es eher so, dass man diese Dinge nicht laut aussprach.

WDR: Antisemitismus scheint aber wieder salonfähiger geworden zu sein.

Beyrodt: Ja, das ist so. Es hat auch mit dem Erstarken des Rechtspopulismus, mit Parteien wie der AfD, zu tun. Ich glaube, dass es Menschen gibt, die das als Ermutigung erleben - um Dinge sagen zu können, die man vorher eher nicht gesagt hat.

WDR: Nun soll man am Samstag aus Solidarität die Kippa tragen. Anlass ist die umstrittene Al-Kuds-Demo in Berlin. Ein guter Ansatz?

Beyrodt: Die Gesellschaft hat nicht so viele Möglichkeiten, zu signalisieren, was sie duldet und was nicht. Daher finde ich das Tragen einer Kippa kein so schlechtes Symbol – um sich auf die Seite der Juden zu stellen. Denn man hat häufig das Gefühl, dass dieses Problem viele überhaupt nicht interessiert.

Interview mit Doron Rubin, jüdische Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin (01.06.2019)

WDR 5 Morgenecho - Interview 01.06.2019 06:29 Min. Verfügbar bis 30.05.2020 WDR 5

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Es ist aber ein weit verbreitetes Vorurteil, dass Antisemitismus immer mit Muslimen zu tun hat. Antisemitismus findet nicht nur auf Al-Kuds-Tagen statt. Nahezu neunzig Prozent der antisemitischen Straftaten werden von Rechtsextremen begangen.

Das Gespräch führte Nina Giaramita.

Stand: 01.06.2019, 06:00

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