Kinder vernachlässigt und misshandelt – Jugendämter schreiten häufiger ein

Ein Mädchen hält abwehrend gegen einen Angriff ihre Hand hoch

Kinder vernachlässigt und misshandelt – Jugendämter schreiten häufiger ein

Von Philip Brost

  • Misshandlungen werden häufiger entdeckt
  • Stärkere Sensibilisierung in Bevölkerung und Behörden
  • Dunkelziffer weiter hoch

Seit Jahren gehen die Zahlen im Zusammenhang mit Kindeswohlgefährdung nach oben. Während zu Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2013 noch 30.546 Verdachtsfälle registriert wurden, sind es jetzt 49.707. Die Fälle, in denen tatsächlich eine akute Gefährdung festgestellt wurde, stieg von 3.528 auf 7.094. Das teilte das Statistische Landesamt am Montag (13.07.2020) mit.

  • In knapp 7.100 Fällen stellten die Jugendämter eine akute Gefährdung der Kinder fest.
  • In weiteren 6.700 Fällen konnten sie eine Gefährdung nicht ausschließen.

Am häufigsten mussten die Ämter wegen Vernachlässigung einschreiten. Danach folgen körperliche und psychische Misshandlungen.

Kindeswohlgefährdung: "Immer mehr Fälle bekannt"

WDR 5 Morgenecho - Interview 13.07.2020 05:07 Min. Verfügbar bis 13.07.2021 WDR 5

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Bessere Aufklärung lässt Zahlen steigen

Den kontinuierlichen Anstieg der Zahlen erklären Kinderschützer mit einer besseren Erfassung der Fälle. Außerdem gebe es seit einiger Zeit einen gesetzlichen Schutzauftrag. Margareta Müller vom Kinderschutzbund NRW sagt, dass die Behörden dadurch häufiger tätig werden.

"Fachkräfte, die Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung wahrnehmen, müssen dieses Verfahren durchlaufen. Weiterhin ist zu bedenken, dass immer mehr Kinder in Tagesbetreuung sind – immer mehr Kinder auch nach der Schule betreut werden. Das heißt, immer mehr Kinder sind auch im Blick von Fachkräften."

Großteil der Fälle unentdeckt

Trotzdem ist das nur die Spitze des Eisberges. Der Kinderschutzbund geht weiterhin von einer extrem hohen Dunkelziffer aus. Die meisten Fälle in denen Kinder vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht werden, blieben unentdeckt.

Dennoch sei eine Verbesserung erkennbar, sagt Müller. "Positiv ist, dass immer mehr Fälle wahrgenommen werden. Das haben wir auch jetzt im Kontext der Missbrauchsfälle gesehen." In der Bevölkerung und bei den Behörden gebe es eine stärkere Sensibilisierung für das Thema. Dennoch bestehe weiter Verbesserungsbedarf.

Präventionsarbeit stärken

Der Kinderschutzbund fordert dafür eine bessere Ausstattung der Beratungsstellen. Viele Präventionsangebote seien nur auf Zeit angelegt und würden aus befristeten Projektmitteln finanziert, so Müller.

"Wir haben zum Teil unterfinanzierte Beratungsstellen. Hier braucht es einfach eine kontinuierliche Förderung, so dass Kinder und Jugendliche auch niedrigschwellige und kontinuierliche Angebote haben, wo sie Unterstützung erhalten können."

Ein weiterer Punkt sei die Ausbildung von Sozialpädagogen, Kindergärtnerinnen und Lehrern. Hier müsse der Aspekt der Kindeswohlgefährdung noch stärker in den Fokus gerückt werden. Gleichzeitig brauche es mehr Interventionsmöglichkeiten, wenn tatsächlich Vernachlässigungen oder Misshandlungen festgestellt werden.

Auch wenn sich einiges verbessert habe, fehle diese Infrastruktur in Teilen des Landes noch.

Stand: 13.07.2020, 14:13

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