Kindesmissbrauch: Wie kann das verhindert werden?

Kindesmissbrauch: Wie kann das verhindert werden?

Von Karin Bensch und Frank Menke

  • Täter stammen meist aus nahem Umfeld
  • Mehr Geld für Beratungsstellen
  • Mehr Kontrollen von Vorbestraften

Die Missbrauchsfälle in Münster – sie sind grausam, schmerzhaft, kaum zu ertragen. Viele fragen sich: Wie kann das in Zukunft verhindert werden?

"Jeder muss lernen, was man bei Verdacht tun kann"

Die Gesellschaft muss wachsamer werden, fordert Johannes-Wilhelm Rörig, der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Diese Kinder hätten ein soziales Umfeld, Nachbarn, Sportvereine. Es könne nicht sein, dass nie jemand etwas bemerkt habe. "Es ist unvorstellbar, dass die betroffenen Kinder keine Signale aussendet haben", sagte Rörig am Dienstag (09.06.2020) im WDR5-Morgenecho.

Die Gartenlaube, in der die Missbrauchsverbrechen stattgefunden haben sollen.

Oft geschieht Missbrauch im familiären Umfeld: In Münster war es in dieser Gartenlaube

Es müsse in Deutschland eine "Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagne gegen Missbrauch" auf den Weg gebracht werden. "Jeder in Deutschland muss lernen, wann sexuelle Gewalt beginnt, was man bei Verdacht und Vermutung tun kann", so Rörig. "Jeder muss auch wissen, welche schweren Folgen sexueller Missbrauch hat, wo man Hilfe findet und wie man Schutz bietet."

Wachsamkeit gelte auch für Mitarbeiter in Kitas, Schulen und Jugendämtern, bei Polizei und Justiz, sagt Krista Körbes, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes NRW. "Vor allen Dingen müssen die Familienberatungsstellen und die Fachberatungsstellen für sexuelle Gewalt finanziell unterstützt werden. Die sind alle unterfinanziert. Das Land muss Geld in die Hand nehmen."

Aufklärung und Prävention sind wichtig

Sexueller Missbrauch von Kindern darf kein Tabuthema sein. Aufklärung und Prävention sind wichtige Stützpfeiler - für Eltern, aber auch für Kinder. Ihnen muss altersgerecht erklärt werden, was Grenzverletzungen und Übergriffe sind, sagt der Kinderschutzbund NRW und fordert, dass an Grundschulen verstärkt über sexuellen Kindesmissbrauch  gesprochen wird.

Die theaterpädagogische Werkstatt bietet unter dem Titel "Mein Körper gehört mir" solche Programme für Grundschüler der Klassen 3 und 4 an. Geschäftsführerin Anna Pallas setzt auf Freiwilligkeit: "Wenn jede Schule das im Prinzip in ihr Schulsystem aufnehmen würde, und sich dadurch selbstverpflichtet, ist ja schon geholfen."

Kinderpsychotherapeut will mehr Diagnostikstellen

Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Claus Gollmann von der Düsseldorfer Diagnostikstelle "KiD" machte zudem darauf aufmerksam, wie Missbrauchsfälle schneller aufgedeckt werden könnten: "Was ich mir wünschen würde wären mehr Einrichtungen und Diagnostikstellen sowohl ambulant als auch stationär, um diese Kinder zu identifizieren und ihnen Hilfsangebote zu machen. Da gibt es noch große Lücken", sagte er in der "Aktuellen Stunde" am Donnerstag (11.06.2020).

IT-Experten werden dringend gebraucht

Einige Politiker fordern härtere Strafen für die Täter und wollen auf Abschreckung setzen.

Um mehr Täter im Internet aufzuspüren und die großen Datenmengen schneller bearbeiten zu können, fordert die Gewerkschaft der Polizei mehr Personal und mehr Online-Zugriffsrechte. Warum es im Fall Münster ein Jahr gedauert hat, die Daten zu entschlüsseln, erklärte der Vizevorsitzende des Bunds deutscher Kriminalbeamter, Oliver Huth, am Montag in der "Aktuellen Stunde" so: "Die Täter nutzen hohe IT-Technik, die die Daten kryptiert. Wir müssen uns Expertise auf dem freien Markt kaufen, und der Markt ist sehr schnelllebig. Wir haben Möglichkeiten, Daten zu entschlüsseln, aber das dauert. Wir brauchen Experten beim Land. Die sind sehr teuer. Das ist eine Ressourcenfrage, eine Frage der Kapazitäten."

Kinder von polizeibekannten Tätern fernhalten

Der BDK kritisiert, dass Personen, die bereits vorbestraft sind, weil sie Kinderpornographie besessen und verbreitet haben, trotzdem mit einem Kind in einem Haushalt leben dürfen. "Es ist ein Unding, dass Leute mit kinderpornographischem Material noch ein Erziehungsrecht haben", sagte BDK-Vize Huth.

Das sei ein strukturelles Problem, kritisiert auch Krista Körbes vom Kinderschutzbund NRW: "Wenn Täter bekannt sind, dann ist es nicht mehr verantwortlich, dass sie ohne Aufsicht mit Kindern zu tun haben. Wer da noch zur Bewährung verurteilt wird, muss dann zumindest strenger kontrolliert werden, wenn er mit Kindern zu tun hat."

Jugendämter und Familiengerichte sind zuständig. Doch auch sie klagen häufig darüber, dass sie überlastet seien.

Stand: 11.06.2020, 19:23

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