Impfstreit in Familien: Wenn (Ex-)Partner sich querstellen

Stand: 18.12.2021, 13:00 Uhr

Wenn Mütter und Väter sich uneinig sind, ob sie ihre Kinder gegen Covid-19 impfen lassen sollen, kann das kompliziert werden. Vor allem, wenn sie getrennt leben und sich das Sorgerecht teilen.

Für über 12-Jährige gilt seit Mitte August eine klare Empfehlung der Stiko. Seit letzter Woche wird die Corona-Schutzimpfung auch Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren empfohlen, wenn sie unter Vorerkrankungen leiden. Alle anderen in der Altersgruppe können auf Wunsch der Eltern ebenfalls geimpft werden.

Bei Laura Bohnert, die die Hotline des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV NRW) betreut, häufen sich seit einigen Wochen die Anrufe von Eltern, die sich mit dem oder der Ex über die Impfung der gemeinsamen Kinder streiten. "Das sind keine Menschen aus der Impfgegner-Blase", erzählt Bohnert.

Häufig seien beide Elternteile selbst geimpft, eine Seite fürchte jedoch gesundheitliche Folgen für die Kinder, während die andere Seite durch die Impfung zum Beispiel einem schweren Corona-Verlauf oder Long Covid vorbeugen möchte. Häufig liege dem Streit aber auch eher ein Konflikt auf der Paarebene zugrunde, und weniger das Kindeswohl.

Ist es strafbar, das Kind gegen den Willen eines Elternteils impfen zu lassen?

"Jede Impfung ist juristisch gesehen eine Körperverletzung", sagt der Krefelder Familienrechtsanwalt Jochem Schausten. Bei geteiltem Sorgerecht brauche ein Arzt daher zwangsläufig die Einverständniserklärung beider Erziehungsberechtigter, sonst mache er sich strafbar. "Geht ein Elternteil mit dem Wissen zum Impfarzt, dass die andere Seite das nicht möchte, könnte man eine klassische Mittäterschaft, Beihilfe oder Anstiftung vorwerfen", so der Anwalt. Ärzte in Deutschland seien jedoch beim Thema Impfung sehr sensibel und vorsichtig, sodass ihm bisher kein Fall bekannt sei, in dem ein Arzt oder ein Elternteil verurteilt wurde.

Wer entscheidet denn dann, ob das Kind geimpft wird?

Wenn sich die Eltern nicht einigen können, kann letztendlich ein Familiengericht Klarheit schaffen. Bei Kindern und Jugendlichen über 12 sei die Chance sehr hoch, dass sich das Elternteil mit dem Impfwunsch durchsetzen kann. Denn die Gerichte orientierten sich hier klar an den Empfehlungen der Stiko. "In meiner Kanzlei hatten wir zwei Fälle, in denen jeweils die Mütter die Impfung wollten, während den Vätern der Impfstoff noch zu unerforscht war", erzählt Schausten. Es sei zu keinem gerichtlichen Verfahren gekommen, da er und seine Kollegin die Väter auf ihre geringen Chancen hinwiesen und diese dann letztendlich den Wünschen der Mütter nachgaben.

Bei Kindern unter 12, die nicht vorerkrankt sind, sei die Rechtslage anders. "In dem Fall würden die Gerichte wohl dem Elternteil die Entscheidungsempfehlung übertragen, dass die Impfung nicht möchte", sagt Schausten. Schließlich empfehle die Stiko das Impfen nicht ausdrücklich für diese Altersgruppe.

Anders sehe es aus, wenn es im näheren Umfeld des Kindes Kontaktpersonen gibt, die ein hohes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken. Dann würde die Entscheidungsbefugnis sehr wahrscheinlich auf die Person fallen, die sich für die Impfung ausspricht. Sollte die Stiko irgendwann zu dem Ergebnis kommen, dass genügend Daten vorliegen, die für die Impfung aller Kinder ab fünf Jahren sprechen, werden sich die Gerichte dann wohl auch daran orientieren, glaubt der Anwalt für Familienrecht.

Impfung für Kinder unter fünf: "Gibt keine Zulassung"

WDR 5 Morgenecho - Interview 17.12.2021 08:30 Min. Verfügbar bis 17.12.2022 WDR 5


Download

Welches Mitspracherecht haben die Kinder selbst?

Generell gilt, dass Jugendliche ab 14 Jahren ein Mitspracherecht bei Erziehungsfragen haben. Im Falle eines 16-Jährigen bezog das Oberlandesgericht Frankfurt im August den Willen des Jungen in sein wegweisendes Urteil mit ein. "Hätte der junge Mann sich klar gegen die Impfung ausgesprochen, hätte das Gericht möglicherweise anders befunden", meint Schausten.

Richterinnen und Richter würden dabei allerdings auch immer berücksichtigen, ob ein Elternteil das Kind maßgeblich beeinflusst hat. Bei jüngeren Kindern wagt der Familienrechtsanwalt jedoch zu bezweifeln, ob ihre Meinung in einem gerichtlichen Verfahren zählen würde. "Bei Grundschulkindern kommt es nicht auf ihren Willen an, sondern auf die Stiko", sagt Schausten.

Muss zwangsläufig ein Familiengericht eingeschaltet werden?

"Insbesondere alleinerziehende Mütter und Väter, die oft auch noch berufstätig sind, haben mit dem Chaos des alltäglichen Lebens genug zu tun," weiß Laura Bohnert von der Beratungsstelle VAMV. "Wenn da dann noch ein Familienverfahren draufkommt, sind die meisten haltlos überfordert."

Eltern, bei denen sich der Konflikt nicht klären lässt, verweist sie an Erziehungsberatungsstellen speziell für Alleinerziehende, die dann als Mediatoren im Gespräch vermitteln.

Ihre Fragen zu Corona: Impfquote, Omikron, Boostern

WDR 5 Morgenecho - Interview 17.12.2021 03:54 Min. Verfügbar bis 17.12.2022 WDR 5


Download

Aktuelle TV-Sendungen