Kiesgrube Erftstadt: Wurden zu steile Böschungen ignoriert?

Kiesgrube Erftstadt: Wurden zu steile Böschungen ignoriert?

Von Marc Steinhäuser

Die Fluten an der Kiesgrube in Erftstadt-Blessem rissen ganze Häuser in die Tiefe. Untersuchungen der Behörden dokumentieren: Manche Risiken waren bekannt. An 12 weiteren Kiesgruben in NRW drohen Überschwemmungen.

Die Landesregierung spricht von einem "Jahrhundertereignis", das die Katastrophe von Erftstadt-Blessem Mitte Juli ausgelöst haben soll. Die Überschwemmungen an der Kiesgrube hätten zu einem "unkontrollierten Erosionsbereich" geführt, schreibt Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion, die dem WDR vorliegt.

Lückenhafte Untersuchungen der zuständigen Bergbehörde

Doch nachträgliche Untersuchungen der Behörden werfen nun neue Fragen zur Genehmigung und zum Hochwasserschutz an der Böschung der Kiesgrube auf. Im Zeitraum von Februar 2015 bis April 2021 führte die für die Kiesgrube zuständige Bergbehörde der Bezirksregierung Arnsberg demnach zehn vor-Ort-Termine im Tagebau Blessem durch.

"Detaillierte Aufschlüsselungen aller im Einzelnen vorgenommenen Prüfungen liegen nicht vor", muss die NRW-Landesregierung nun einräumen. Schriftliche Vermerke auf Beanstandungen gebe es nicht. Andere Auflagen, etwa zusätzliche Dämme zum Hochwasserschutz, seien aber kontrolliert und über die Jahre auch erweitert worden.

Auch die Böschung der Grube soll untersucht worden sein - anhand "der vom Unternehmer vorgelegten Unterlagen." Die Grube wird von den Rheinischen Baustoffwerken betrieben, die zum RWE-Konzern gehört. Und in deren Akten gibt es zur Frage der Böschungsneigung offenbar Mängel: Eine Böschung habe "durch die Anlage eines Fahrweges" eine "steilere Neigung." Die Bergbehörde behauptet, für die Standsicherheit der Gesamtböschung sei dies "nicht relevant."

Haben zu steile Böschungen die Katastrophe begünstigt?

Besonders pikant: Auf Fotos und Videos ist erkennbar, dass am südlichen Rand des Altbereichs der Grube am 15. Juli 2021 bereits am frühen Vormittag Wasser in den Tagebau eindrang. NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart erklärt jetzt in einem Schreiben an den Unterausschuss Bergbau des Landtag, dass zu diesem Zeitpunkt "bereits Böschungsabbrüche oder -abrutschungen in kleinerem Ausmaß im Bereich des (...) Hochwasserschutzwalls zu erkennen" gewesen seien, "obwohl der Wasserstand zu diesem Zeitpunkt noch verhältnismäßig niedrig war."

Und sogar vor mehreren Jahren soll das Problem zu steiler Böschungen schon existiert haben: In älteren Geodaten und einer Bildaufnahme aus 2015 sei "an der Böschungskante der Südböschung ein Abschnitt mit relativ steiler Böschungsneigung erkennbar", sagt das Land. Sachverständige sollen dies nun noch genauer untersuchen.

12 weitere Kiesgruben liegen in Überschwemmungsgebieten

Eine neue Auflistung zeigt außerdem: In Nordrhein-Westfalen liegen 12 weitere Kiesgruben in Überschwemmungsgebieten. Die Landesregierung benennt etwa Tagebaue u.a. in Kamp-Lintfort, Rheinberg und Goch. Die Abstände zur Wohnbebauung liegen teils nur bei 18 Metern - also nochmal deutlich geringer als in Erftstadt, wo es über 100 Meter waren.

Dennoch, so sagt es das Land, könne man die anderen Gruben nicht mit der Kiesgrube in Erftstadt-Blessem vergleichen. Andere Gruben dagegen seien Nassgewinnungsbetriebe, bei denen "die entstandene Geländevertiefung wassergefüllt ist." Also: Die Gruben sind mit Wasser gefüllt und können keine Sogwirkung entfalten. Die Grube in Erftstadt, so schreibt es das Land jetzt plötzlich, stelle durchaus eine "Risiko-Situation" bei Hochwasser dar.

Auf Basis der Untersuchungen fordert der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Börschel, den Schutz der Menschen zu verbessern. "Dazu gehört auch, Versäumnisse ehrlich aufzuarbeiten", sagte Börschel. Laut NRW-Landesregierung sei es derzeit noch zu früh, um Konsequenzen für andere Tagebaue aus der Überflutung der Kiesgrube in Erftstadt zu ziehen. Man habe allerdings schon veranlasst, künftig ein Böschungs-Überwachungssystem einzusetzen.

Genehmigtes Desaster: Der Kiesabbau und die Fluten Westpol 22.08.2021 UT DGS Verfügbar bis 22.08.2022 WDR

Stand: 17.09.2021, 11:30

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