Zwischen Blackfacing und Inklusion: Wie modern ist der Karneval?

Funkemariechen auf Schultern der Tänzer stehend,

Zwischen Blackfacing und Inklusion: Wie modern ist der Karneval?

  • Karneval ist ein Spiegel der Gesellschaft
  • Spagat zwischen Entwicklung und Tradition
  • Interview mit einem Brauchtumsforscher

Blackfacing in der Karnevalsmusik, Funkemariechen in kurzen Röcken trotz Metoo: Wie zeitgemäß ist und sollte der Karneval sein? Brauchtumsforscher Philipp Hoffmann gibt Antworten. Er leitet die Abteilung Brauchtum des Kölnischen Stadtmuseums.

WDR: Herr Dr. Hoffmann, in dieser Session wird es zum ersten Mal ein homosexuelles Prinzenpaar in Mönchengladbach geben; in Aachen steht der Karneval unter dem Motto Inklusion. Trotzdem fragt man sich doch im 21. Jahrhundert: Warum erst jetzt?

Philipp Hoffmann: Ich würde nicht sagen, dass der Karneval hier rückständig ist. Er war vorher schon für Menschen unterschiedlichster sexueller Orientierungen offen, gleiches gilt für Personen mit Behinderung. Aber die Organisation wird an vielen Stellen professioneller. In diesem Zuge macht man sich Gedanken: Wie kann man gesellschaftliche Entwicklungen im Karneval fördern? Aber ich sehe den Karneval da nicht als Vorreiter, der vorneweg gehen muss.

WDR: Warum nicht?

Brauchtumsforscher Philipp Hoffmann

Brauchtumsforscher Philipp Hoffmann

Hoffmann: Der Karneval ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn wir in einer modernen und progressiven Gesellschaft leben, dann werden wir auch sehr viele Entwicklungen im Karneval haben. Er muss immer ganz nah an diesen Strömungen bleiben, sonst wird er zur sinnentleerten Folklore.

WDR: Die Unesco hat den Rheinischen Karneval zum Immatierellen Kulturerbe erklärt. Sie sagt: "Die Willkommenskultur im Rheinland wirkt sehr einladend. Migranten finden in ihm einen einfachen Zugang zur regionalen Gemeinschaft." Ist das so?

Hoffmann: Der Karneval kann einen Beitrag zur Integration leisten. Allerdings braucht es auch eine größere Transferleistung: Der Brauch muss Menschen, die nicht damit aufgewachsen sind, erklärt werden.

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WDR: Ein Musikvideo der Räuber hat zuletzt Rassismus-Vorwürfe auf sich gezogen. Dort wurde die Tänzerin Motsi Mabuse von einem Bandmitglied verkörpert, dessen Gesicht schwarz angemalt war. Ist Blackfacing im Karneval noch okay?

Hoffmann: Auf der einen Seite haben wir tatsächlich die lange Tradition, sich in Form anderer Ethnien zu verkleiden. Das war jahrelang keine Diskussion. Auch heute sieht man zum Beispiel noch das Kostüm "Sarotti-Mohr" – kaum einer malt sich aber das Gesicht an. Darin zeigt sich schon eine gesellschaftliche Entwicklung. Wenn man sich im Karneval bewegt, weiß man, dass man mit solchen Kostümen polarisiert. Ich kann nur vermuten, dass hinter dem Video der Räuber Gedankenlosigkeit steckt. Das war unprofessionell.

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WDR: Sind Tanzmariechen, die in kurzen Kleidern die Beine schwingen, nach Metoo noch zeitgemäß?

Hoffmann: Würde es Beschwerden darüber geben, dass Tanzmariechen durch die Luft wirbeln, würden die Vereine reagieren. Der Karneval hat kein grundlegendes Problem mit Sexismus – sondern damit, dass unter Alkoholeinfluss Hemmschwellen sinken. Hier sehe ich die Vereine in der Verantwortung, eine entsprechende Früherziehung zu leisten, die ganz klar Grenzen aufzeigt.

Die Fragen stellte Claudia Wiggenbröker.

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