Juncker: "Merkel hat uns sehr viel Zeit gekostet"

Jean-Claude Junker und Angela Merkel, Archivbild, Symbolbild 25.11.2018

Juncker: "Merkel hat uns sehr viel Zeit gekostet"

Nach 16 Jahren im Amt wird Angela Merkel als aktuell dienstälteste Regierungschefin auch die europäische Bühne verlassen. Der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wird sie vermissen.

WDR: Wussten Sie bei Merkel vom ersten Tag an, woran Sie waren?

Jean-Claude Juncker: Ich hab sie kennengelernt, als sie Ministerin war, sie war dann in Brüssel. Sie ist mir aufgefallen durch profunde Sachkenntnis und ich habe dann in der späteren Folge festgestellt, dass sie immer wusste, worüber sie redet, wie sie worüber reden sollte, und dass sie klare Ideen hatte.

WDR: Als sie 2005 das erste Mal Kanzlerin wurde, da waren Sie ja schon ein alter Hase als langjähriger Finanz- und Premierminister Luxemburgs. Zu dieser Zeit waren Sie auch Vorsitzender der Gruppe der Euro-Staaten. Wie haben Sie Merkel am Anfang als Chefin wahrgenommen?

Juncker: In der Griechenland-Krise habe ich sie als jemanden wahrgenommen, der sehr zögerte, der versucht, aus Unmöglichem etwas Mögliches zu machen, der uns aber in dem Sinne sehr viel Zeit gekostet hat, weil sie immer, wenn sie springen sollte, nur einen Schritt zurückgegangen ist. Sie ist ja Naturwissenschaftlerin, hat also die Dinge immer von ihrem Ende her bedacht und hat mich dann immer gefragt, wenn ihr etwas nicht passte - und das passierte öfter: Ist das, was du dir vorstellst denn in zehn, fünfzehn Jahren noch belastbar und tragfähig?

WDR: Sie erschien ja immer auf Sicherheit bedacht, auch was Deutschlands außenpolitische Rolle und Auftreten in und mit Europa anging und über dieses Sicherheitsbedürfnis hinaus. Da sagen eben auch einige, habe es ihr an Weitblick und an Mut gefehlt mit Blick auf Veränderungsbedarf. Wie sehen Sie das?

Juncker: Ich sehe das nicht so stringent negativ. Ich finde, dass Merkel einen großen Beitrag zu einem sich harmonischer gestaltenden Europa gemacht hat. Sie war nicht immer sehr mutig, aber sie war auch nie in der Ecke derer wiederzufinden, die einfach die Arme hängen ließen und die Hände in den Schoß legen. Nein, sie war schon gemeinsam mit anderen, sie war ja nie alleine, Handhaberin und Impulsgeberin.

Merkel-Momente: 16 Jahre Kanzlerin in Bildern

Von Jörn Seidel

 Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am 22.11.2005 im Deutschen Bundestag in Berlin durch Bundestagspräsident Norbert Lammert vereidigt.

Am 22. November 2005 wurde Angela Merkel (CDU) von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) als Bundeskanzlerin vereidigt. Dreimal wurde sie wiedergewählt - und ist damit rund 16 Jahre im Amt. Um noch länger im Amt zu bleiben als Helmut Kohl, müsste sie nach der Bundestagswahl noch bis zum 17. Dezember geschäftsführend im Amt bleiben.

Am 22. November 2005 wurde Angela Merkel (CDU) von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) als Bundeskanzlerin vereidigt. Dreimal wurde sie wiedergewählt - und ist damit rund 16 Jahre im Amt. Um noch länger im Amt zu bleiben als Helmut Kohl, müsste sie nach der Bundestagswahl noch bis zum 17. Dezember geschäftsführend im Amt bleiben.

In der von Männern dominierten Welt der Politik musste sich Merkel erst Respekt verschaffen - sogar dann noch, als sie die Wahl gewann. Hier traf sie in der historischen "Elefantenrunde" am Wahlabend des 18. Septembers 2005 auf einen triumphierenden Kanzler Gerhard Schröder (SPD), der überzeugt war: Es sei "eindeutig, dass niemand außer mir in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen". Merkel schien erst verdutzt, entgegnete dann aber resolut, dass Schröder möglicherweise "noch etwas Schwierigkeiten hat, von der Tatsache wirklich erfasst zu sein, dass Rot-Grün abgewählt ist".

In Merkels Amtszeit nahm das Bewusstsein über die Klima-Krise weltweit zu. Im August 2007 reiste Merkel mit ihrem Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) zum schmelzenden Eis nach Grönland. Kurz vor Ende ihrer Amtszeit allerdings zog die Kanzlerin eine nüchterne Bilanz ihrer Klimapolitik. "Wenn ich mir die Situation anschaue, kann kein Mensch sagen, dass wir genug getan haben."

Die Mode der Kanzlerin - ein großes Thema. Die Anzüge ihrer Vorgänger hatten die Republik hingegen weit weniger interessiert. Wie viel Dekolleté darf eine Regierungschefin zeigen? Das fragten sich im April 2008 deutsche und internationale Medien, als Merkel in Oslo am Gala-Abend zur Eröffnung der neuen Oper teilnahm.

Schon im Mai 2005, kurz vor ihrer offiziellen Nominierung als Kanzlerkandidatin, bekam Merkel zu spüren, dass sie mit ihrem optischen Auftritt nun voll im Fokus der Medien steht. Da besuchte sie wie so oft die Wagner-Festspiele in Bayreuth. Für bizarre Aufmerksamkeit sorgte ein Achselschweiß-Fleck an ihrem Kleid.

Als sich die weltweite Banken- und Finanzkrise weiter zuspitzte und auch die deutsche Hypo Real Estate erfasste, steuerten Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) mit voller Kraft entgegen und gaben ein großes Versprechen ab: "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind", so die Bundeskanzlerin im Oktober 2008.

Ab 2010 war Merkel gefordert, auf die griechische Staatsschuldenkrise zu reagieren. Deutschland und die anderen EU-Staaten spannten gegen einigen Widerstand einen Euro-Rettungsschirm auf. Auf dem Foto zu sehen: der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean Claude Trichet (links hinter Merkel), EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso (rechts hinter Merkel), der griechische Premierminister George Papandreou (rechts daneben), und neben ihm der französische Präsident Nicolas Sarkozy.

Im März 2011 wurde Merkels Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), nachdem er seinen Rücktritt erklärt hatte, von Bundespräsident Christian Wulff (Mitte) aus dem Amt entlassen. Anlass war die Plagiatsaffäre um zu Guttenbergs Doktorarbeit.

Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Herren im Juli 2014 in Brasilien die Weltmeisterschaft gewann, schien der größte Star in der Kabine Kanzlerin Merkel zu sein. Links neben ihr: Bundespräsident Joachim Gauck.

Die sogenannte Flüchtlingskrise führt zu Unruhe in der Republik - manche haben dies als Spaltung wahrgenommen. "Wir schaffen das", waren Merkels Worte. Dabei geriet sie für ihre Selfies mit Geflüchteten in die Kritik. Damit sende sie in deren Herkunftsländer ein falsches Signal, hieß es. Hier neben Merkel im September 2015: der Syrer Anas Modamani.

Im November 2015 nahm Kanzlerin und CDU-Chefin Merkel am CSU-Parteitag in München teil. Dort führte Parteichef Horst Seehofer sie offen wegen ihrer Flüchtlingspolitik vor. Nach seiner Replik auf ihre Rede verließ Merkel ohne weiteren Gruß den Saal. Das Verhältnis der beiden Schwesterparteien war an einem Tiefpunkt angelangt.

Nach bald zehn Jahren Kanzlerschaft war Merkel international zu einer festen Größe geworden. Beim G7-Gipfel im Juni 2015 auf Schloss Elmau spricht sie hier mit US-Präsident Barack Obama, der Merkel auch später noch viel Anerkennung zollte.

Am 19. Dezember 2016 starben beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche elf Besucher, Dutzende wurden verletzt. Der Täter war ein islamistischer Terrorist. Von dem Ereignis ist Kanzlerin Merkel auch ein Jahr später noch sichtlich bewegt, als sie zur Einweihung einer Gedenkstätte am Tatort eine Rede hält.

Auch die Präsidentschaft von Donald Trump fiel in die Amtszeit der Kanzlerin. Hier begegnete sie ihm beim G7-Gipfel im Juni 2018 im kanadischen La Malbaie. Das Gespräch der beiden verfolgten auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (2.v.l), Japans Ministerpräsident Shinzo Abe (4.v.r) und der Nationale Sicherheitsberater der USA, John Bolton (hinter Trump).

Als "Kuss-Gate" bleibt dieser Moment beim G7-Gipfel im August 2019 im französischen Biarritz in Erinnerung. Beim Begrüßungskuss mit Merkel spitzte Trump seine Lippen auffällig stark. Tatsächlich war das Verhältnis zwischen Merkel und Trump eher von Distanz geprägt.

Anderthalb Jahre nach Beginn der Corona-Krise erhielt Merkel eine weitere von vielen Ehrendoktorwürden. Die US-amerikanische Johns-Hopkins-Universität würdigte die Kanzlerin als "globale Führungspersönlichkeit von beispielloser Entschlossenheit und Integrität". Merkel habe nicht nur Deutschland geführt, "sondern war auch ein Leuchtfeuer für die Welt in Krisenzeiten, von der großen Rezession bis zur Covid-19-Pandemie". Aber die Würdigung fand in Deutschland kaum Beachtung.

Denn zeitgleich ereignete sich in Deutschlands Westen die Hochwasser-Katastrophe mit mehr als 180 Toten. Kurz nach ihrer USA-Reise, am 20. Juli 2021, besuchte sie unter anderem Bad Münstereifel.

Während ihrer Kanzlerschaft - und schon seit 1990 - war Merkel auch stets Bundestagsmitglied. In ihrem Wahlkreis in Vorpommern war sie regelmäßig zu Besuch. In der Woche vor der Bundestagswahl im September 2021 besuchte sie unter anderem den Vogelpark Marlow, wo dieses jetzt schon legendäre Foto entstand.

WDR: Gucken wir mal auf jemanden, der garantiert nicht mit hängenden Armen herumstand und der dann 2017 die Bühne betrat: der französische Präsident Emmanuel Macron. Was der anstoßen wollte, war eine stärkere, effizientere, schnellere Europäische Union zu bauen. Er hat dafür vielfach konkrete Vorschläge gemacht und von Merkel aus Berlin kam hauptsächlich nichts. War das offensichtlich zu wenig?

Juncker: Wenn man das so beschreibt, wie Sie das beschreiben, dann muss das ja so aussehen. Das ist aber ein Eindruck, den ich in dieser vollen Schärfe nicht nachvollziehen kann. Merkel hat Macron geantwortet, aber sie hat nicht immer so geantwortet, wie Macron und ich mir das gewünscht haben. Sie hat beim Euro-Budget gebremst, sie hat bei der gemeinsamen Schuldenaufnahme gebremst bis jetzt zum Schluss der Pandemie-Einbruch ihre Position änderte. Das, was Macron vorgeschlagen hat 2017/18, würde ja auch in anderen Mitgliedsstaaten nicht so positiv angenommen, wie Sie jetzt den Eindruck geben. Also Deutschland war mit dem, was sich in Bedenkzeit auswirkt, eigentlich nie allein.

WDR: Macron übernimmt ja am 1.Januar als nächster die EU-Ratspräsidentschaft und er hat dann im April zuhause die Präsidentschaftswahl zu überstehen. Hier in Deutschland ist nicht klar, wie schnell eine Regierungsbildung vonstatten gehen kann. Wird das alles zusammen ein halbes Jahr Stillstand auf dem europapolitischen Parkett bedeuten?

Juncker: Nein. Die Tatsache, dass die Deutschen wahrscheinlich etwas mehr Zeit brauchen, um eine Regierung auf die Beine zu stellen, hat keinen direkten Einfluss auf das europapolitische Geschehen, weil die Regierung ist ja handlungsfähig. Es ist ja nicht so, dass mit der Bundestagswahl Deutschland abgeschafft wird. Deutschland bleibt ja und deshalb wird Merkel auch noch Einfluss in den nächsten Monaten ausüben können.

In Frankreich sieht das ein bisschen anders aus, denn Frankreich hat die Wahl im Mai. Das ist schon einmal passiert, dass, 1995 der Übergang von Mitterrand zu Chirac, Mitterrand nicht mehr viel gemacht hat und auch sehr krank war und Chirac konnte noch nicht so richtig zuweisen, denn er war neu im Geschäft. Das ist eher ein von Frankreich induziertes Stillstandsprogramm für nächstes Jahr als ein von Deutschland so gewolltes. Aber ich gehe davon aus, ich weiß das ja auch aus vielen Gesprächen, dass Macron in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft die Franzosen sehr gut darauf vorbereitet und richtig Gas geben wird.

WDR: Was muss die nächste Bundesregierung europapolitisch tun aus Ihrer Sicht?

Juncker: Ich glaube, die nächste Bundesregierung hat eigentlich die selbe Aufgabenstellung wie ihre Vorgängerinnen. Deutschland ist die stärkste Wirtschaftskraft in der Europäischen Union und das Land mit den meisten Nachbarn, hat ein feines Gespür für Gesamtzusammenhänge zwischen West und Ost. Wenn der nächste Bundeskanzler über die Gabe von Merkel verfügt, anderen zuzuhören, auch den Kleineren und Mittleren, dann wird Deutschland ein zentraler Player in der europäischen Entwicklung bleiben.

Das Interview führte Thomas Schaaf und ist zur besseren Lesbarkeit leicht gekürzt worden. Das vollständige Interview hören Sie hier:

Außenansicht: Bleibt Deutschland auch nach Merkel verlässlich?

WDR 5 Morgenecho - Interview 25.09.2021 07:27 Min. Verfügbar bis 25.09.2022 WDR 5


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Stand: 25.09.2021, 10:11

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