Ist Teilen nachhaltig oder nur gut fürs Gewissen?

Ein Schlüssel mit einem AirBnB-Anhänger, eine junge Frau auf einem E-Scooter, ein Smartphone mit einer Carsharing-App

Ist Teilen nachhaltig oder nur gut fürs Gewissen?

Von Jörn Kießler

  • Teilen von Autos, Wohnungen und E-Tretrollern gilt als nachhaltig
  • Forscher relativieren Nutzen von Sharing Angeboten für Umwelt
  • Nutzerverhalten entscheidend

Schnell mit Car2Go, Flinkster oder Stadtmobil zum Einkaufen, mit dem E-Scooter in die City oder übers Wochenende in eine Air BnB-Wohnung. Sogenannte Sharing-Angebote sind voll in Mode. Teilen statt besitzen spart Geld und soll sogar noch gut für die Umwelt sein.

Doch sind die Angebote wirklich nachhaltig? Laut einer Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) nicht so sehr wie bislang angenommen.

Was kritisieren die Forscher?

Die Idee des Sharing halten die Wissenschaftler für sinnvoll, die Art, wie die Angebote oft genutzt werden, nicht. "Man spart oder erhält sogar Geld - und das gibt man dann an anderer Stelle wieder aus", erklärt Maike Gossen vom IÖW.

In einigen Fällen entstehe durch Sharing-Angebote sogar zusätzlicher Konsum. Als Beispiel nennt Gossen Air BnB, durch das möglicherweise erst der Anreiz für manche Reise geschaffen wird - die dann eine zusätzliche Belastung für die Umwelt ist.

Homesharing: "Das Eigentum ist frei - im Rahmen der Gesetze"

WDR 5 Morgenecho - Interview 18.01.2019 05:51 Min. Verfügbar bis 17.01.2020 WDR 5

Download

Auch die Idee von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), mit Verleih-E-Scootern mehr Menschen zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu animieren, ging bislang nicht auf. Eine Studie des Beratungsunternehmens Civity zeigt, dass die meisten Menschen die elektrischen Tretroller nur in ihrer Freizeit nutzen. Die Entlastung der Straßen im Berufsverkehr bleibt weitgehend aus.

Gibt es auch Fürsprecher?

Der Nabu bewertet Sharing-Modelle grundsätzlich als positiv für die Umwelt. Allerdings: "Nur wenige Menschen sind bereit, sich mit anderen Menschen etwas zu teilen und ihre Komfortzone zu verlassen", sagt Verena Bax vom Nabu.

Sharing Economy

Von Couch-Surfing bis Swappen

Eine Frau prüft das Angebot in einer sogenannten "Givebox".

"Givebox" – "Gabenkiste" heißt diese Erfindung der Sharing-Economy. In einer Givebox kann jeder seinen aussortierten Hausrat anonym verschenken. Wer etwas aus der Givebox gebrauchen kann, nimmt es mit. Mithilfe von Giveboxen soll die Lebensdauer von Kleidung, Büchern, Geschirr und anderen Gebrauchsgegenständen verlängert werden.

"Givebox" – "Gabenkiste" heißt diese Erfindung der Sharing-Economy. In einer Givebox kann jeder seinen aussortierten Hausrat anonym verschenken. Wer etwas aus der Givebox gebrauchen kann, nimmt es mit. Mithilfe von Giveboxen soll die Lebensdauer von Kleidung, Büchern, Geschirr und anderen Gebrauchsgegenständen verlängert werden.

Krimis, Romane, Reiseführer, Sachbücher – in Mini-Bibliotheken stellen sich Nachbarn gegenseitig ihre Bücher zur Verfügung. Das schont nicht nur Ressourcen, sondern spart auch Platz und erweitert den Horizont.

Die Herstellung von Kleidung verbraucht Wasser und Energie. Umso ärgerlicher, wenn Sachen ungetragen im Schrank hängen. Auf Kleidertausch-Partys finden sie neue Besitzerinnen. Und Spaß macht das "Swappen" auch.

Beim Couch-Surfen bieten Menschen in aller Welt kostenlos ihr Sofa zum Übernachten an. Mehrere Millionen Couchsurfer sind bei der gleichnamigen Internet-Plattform bereits registriert. Ökologisch ist das Couch-Surfing umstritten. Das billige Übernachten kann dazu führen, dass die Menschen das gesparte Geld in mehr Flüge stecken.

Die Betreiber von "foodsharing.de" und "lebensmittelretten.de" haben der Lebensmittelverschwendung den Kampf angesagt. Auf ihren Internet-Plattformen werden Lebensmittel angeboten, die sonst in den Müll wandern. Vieles davon sind abgelaufene oder nicht ganz makellose Waren aus Bio-Supermärkten. Aber auch Privatpersonen bieten Lebensmittel an, zum Beispiel, wenn sie vor einem Urlaub den Kühlschrank leeren wollen.

Lust auf Raclette, einen Campingurlaub oder ein selbstgebautes Bett? Im "Leila-Leihladen" im Berliner Prenzlauer Berg kann man sich kostenlos 260 Gebrauchsgegenstände leihen. Sie alle stammen aus den Schränken und Kellern der Nachbarn. Im Internet markiert eine Ampel, ob ein Gegenstand gerade frei ist.

Die Idee, sich mit mehreren Menschen ein Auto zu teilen, ist alt. Durch Smartphones und Internet wurde das Carsharing noch massentauglicher. Man ortet mit dem Handy den nächsten freien Wagen, steigt ein und stellt ihn am Ankunftsort wieder ab. Die Gebühr wird automatisch abgebucht. Für viele wird ein eigenes Auto so überflüssig – vor allem in größeren Städten.

Ähnlich sieht das auch Dirk Jansen vom BUND in NRW und warnt vor einer Verteufelung von E-Scootern. "Die Idee dahinter ist gut, einige Anbieter müssen nur noch bei der Technik und Infrastruktur nachrüsten", sagt er. So müssten die Batterien verbessert werden, damit die Tretroller länger genutzt werden könnten, und auch die Organisation des Aufladens müsse optimiert werden.

Wie könnten die Angebote nachhaltiger werden?

Jansen sieht vor allem Nutzer und Politik in der Pflicht. "Für diese neuen Verkehrsmitteln muss mehr Platz in den Städten geschaffen werden. Und das geht nur, wenn er den Autos weggenommen wird." Zudem seien Angebote wie Carsharing nur sinnvoll, wenn man es nur nutze, wenn man mit dem ÖPNV sein Ziel nicht erreichen könne - und das eigene Auto abschaffe.

Das Problem dabei ist jedoch, dass sich gerade stationsunabhängige Angebote wie Car2Go für die Betreiber nur in großen, dicht besiedelten Städten lohnen. Diese besitzen meist aber auch ein gutes öffentliches Verkehrsnetz, das durch die Carsharing-Angebote umweltunfreundlichere Konkurrenz bekommt.

Das Geschäft mit den E-Scootern Markt 08.05.2019 06:40 Min. UT Verfügbar bis 08.05.2020 WDR Von Jannes Giessel

Stand: 09.08.2019, 12:32

Aktuelle TV-Sendungen