Smartphones - die programmierte Sucht?

Ein Jugendlicher betrachtet Inhalte der Nachrichtenplattform WhatsApp auf seinem Smartphone

Smartphones - die programmierte Sucht?

  • App-Entwickler erläutern, wie sie Nutzer abhängig machen
  • Parallelen zwischen Social-Media-Abhängigen und Drogensüchtigen
  • Komplettes Smartphone-Verbot an Schulen hilfreich?

Die Farben der Apps, der Like-Button bei Facebook oder das Nachrichtensymbol bei Twitter - alles auf einem Smartphone ist so gestaltet, dass die Nutzer sich maximal wohlfühlen. Mehr noch: Die Nutzer sollen auch möglichst viel Zeit mit den Apps verbringen, am besten wieder und wieder.

Es ist wie mit dem Rauchen: Dabei werden im Körper große Mengen des Glückshormons Dopamin ausgeschüttet. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, beim nächsten Mal wieder zur Zigarette zu greifen. Nutzen App-Entwickler und "soziale Medien" diesen Mechanismus aus, um uns süchtig zu machen?

Kemper: "Wie bei Drogenabhängigen"

Ulrich Kemper, Leiter der LWL-Klinik für Suchtmedizin in Gütersloh, hat sich intensiv mit den Vorgängen im Gehirn bei Suchtkranken auseinandergesetzt. "Wenn man eine bestimmte Substanz nimmt, eine starke Droge, zum Beispiel Kokain, dann sieht man in bestimmten Bereichen des Gehirns Farben", erklärt Kemper. "Und wenn ich bei einer anderen Gelegenheit einen Handybenutzer mit der gleichen Technik untersuche, dann leuchtet im Gehirn das gleiche Areal auf, wie es vorher bei dem Drogenabhängigen aufgeleuchtet hat."

Warum nutzen Jugendliche Social-Media-Apps?

Umfrage unter Schülern eines Kölner Gymnasiums:

Tea

Tea: "Weil man up to date seien möchte. Man möchte wissen, was die anderen grade machen, ob die vielleicht mehr Spaß haben als wir. Ob die vielleicht schulfrei haben oder so. Und ich denke, das ist der Hauptgrund, weil man wissen möchte, was die anderen machen."

Tea: "Weil man up to date seien möchte. Man möchte wissen, was die anderen grade machen, ob die vielleicht mehr Spaß haben als wir. Ob die vielleicht schulfrei haben oder so. Und ich denke, das ist der Hauptgrund, weil man wissen möchte, was die anderen machen."

Eda: "Das erste, was man macht, wenn man aufsteht: Wecker aus und dann erst mal Nachrichten checken."

Fabio (links): "Das zieht einen an. Man sieht's auch, man ist am Schreibtisch, man macht grade Hausaufgaben, auf einmal sieht man das Handy. Das zieht einfach an. Eine Nachricht kommt, man denkt dann so: Stimmt, ich muss der Person ja noch schreiben. Das ist einfach so wie eine Art Droge, sagen wir es so."

Yasmine: "Ich nehme das sehr oft und entsperre es und gucke irgendwie, was los ist. Und dann sperre ich es wieder und lege es wieder hin. Eben so ein Kreislauf."

Enes: "Ich habe auch eine Smart-Watch, das heißt, ich kann hier zum Beispiel meine Benachrichtigungen checken und danach wissen, ob ich was bekommen habe. Da muss ich nicht unbedingt aufs Handy schauen."

Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Suchtfragen und der Krankenkasse DAK ergab: 2,6 Prozent der befragten Jugendlichen wiesen eine Abhängigkeit im Umgang mit "sozialen Medien" auf. Hochgerechnet könnten so bereits 100.000 Jugendliche betroffen sein. Besonders alarmierend: Wer von "sozialen Medien" abhängig sei, habe ein fast fünffach erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken, so die Studie.

Darum sind Social-Media-Apps gefährlich

Experten zur App-Entwicklung und den Gefahren:

Sandy Parakilas

Sandy Parakilas, bis 2012 bei Facebook für Datenschutz zuständig: "Das Geschäftsmodell beruht darauf, so viel Lebenszeit wie möglich von Dir aufzusaugen. Und die Aufmerksamkeit, die Du ihnen gibst, verkaufen sie dann an Werbekunden."

Sandy Parakilas, bis 2012 bei Facebook für Datenschutz zuständig: "Das Geschäftsmodell beruht darauf, so viel Lebenszeit wie möglich von Dir aufzusaugen. Und die Aufmerksamkeit, die Du ihnen gibst, verkaufen sie dann an Werbekunden."

Aza Raskin, App-Designer im Silicon Valley: "Wir stellten fest: Wenn Sie dem Gehirn nicht die Zeit geben, die Impulse für einen Moment zu verarbeiten, scrollen sie einfach immer weiter. Allerdings haben wir dabei nicht bedacht, dass unsere Designtechniken so mächtig sind, dass sie die Nutzer abhängig machen. ...

... Hinter allem, was Dir auf Deinem Smartphone angezeigt wird, stecken tausende Entwickler, die Dich maximal anfixen wollen. Das ist so als ob sie Kokain nehmen und es über Dein gesamtes Display streuen."

Catharine Winstanley, Suchtforscherin: "Beim Glücksspiel wissen Sie natürlich nie, wann Sie gewinnen werden. Und das motiviert uns extrem, weiterzuspielen. Unerwartete Belohnungen aktivieren die Ausschüttung von Dopamin. ...

... Ich denke, es gibt Design-Elemente von Apps auf Smartphones, die Spielautomaten sehr, sehr ähnlich sind."

Und wie schützen die Experten im Silicon Valley sich und ihre Familien? App-Designer Aza Raskin hat gleich mehrere Maßnahmen umgesetzt: Sein Startbildschirm ist leer - und sein Bildschirm auf schwarz-weiß gestellt. "Weil es Teil unserer evolutionären Ausstattung ist, auf Farben zu reagieren, so dass wir davon abhängig werden können", erklärt Raskin. "Es ist wie ein mentales Zückerchen. Wenn Du den Bildschirm schwarz-weiß stellst, reduzierst Du den Dopamin-Ausstoß und erhältst ein Stück Kontrolle zurück."

Mit Apps gegen die Handysucht

WDR 5 Profit - aktuell 08.10.2018 04:18 Min. Verfügbar bis 08.10.2019 WDR 5

Download

Gesetz in Frankreich verschärft

Doch freiwillige Maßnahmen wie die von Raskin gehen einigen nicht weit genug: Das französische Parlament hat im letzten Jahr ein Gesetz beschlossen, das Handys an Vorschulen, Grundschulen und weiterführenden Schulen komplett verbietet. Bislang war dort nur die Handynutzung während des Unterrichts nicht erlaubt.

Stand: 16.01.2019, 06:00

Kommentare zum Thema

4 Kommentare

  • 4 Skandalarchitekt 17.01.2019, 08:01 Uhr

    Gute Dokumentation, die viele Aspekte des Themas beleuchtet hat. Besonders hat mir allerdings die Musikauswahl gefallen - Black Rebel Motorcycle Club, eine Band, die ursprünglich aus San Fransisco stammt und der Social Media nicht egaler sein könnte. Was für eine ironische Kommentierung...

  • 3 Der Waltroper 16.01.2019, 23:16 Uhr

    Für diesen Beitrag des WDR sollte Frau Yvonne Gebauer (FDP), NRW-Schulministerin, sich einmal Zeit nehmen und anschließend Kontakt mit ihren französischen Amtskollegen aufnehmen zwecks Informationsaustausch und Umsetzung erst einmal in NRW :-)

  • 2 Atze 16.01.2019, 09:26 Uhr

    Bin ja mit über 65 Jahren schon lebensälter. Viele Leute in meinem Alter scheinen Smartphonesüchtig zu sein. Bei jeder Gelegenheit wird das Teil aktiviert. Keine Speisekarte, kein gedeckter Tisch der nicht fotografiert wird. Besonders krass sehe ich immer junge Frauen mit Kinderwagen, in einer Hand ne Kippe, die zweite Hand am Smartphone und am Ohr. Da fehlt die dritte Hand und für das Kind im Kinderwagen bleibt nur ein Augenblinzeln zwischen dem Dauerbetrieb des Smartphone. Das geht schon in den Suchtbereich. An der Fleischtheke oder beim Bäcker wird wenig mit dem Personal gesprochen, eher lauthals mit der besten Freudin oder dem besten Freund, das aber tunlichst laut und klar.

    Antworten (1)
    • Florian Müller 16.01.2019, 10:05 Uhr

      Ja genau, diese Beobachtung trifft aber fast nur auf Erwachsene zu. Im Pendlerzug herrscht ein unerträgliches Gepiepse und lautes Aufnehmen von Messages. In der S-Bahn voller Schüler hingegen herrscht Ruhe, weil alle ihre Geräte leise gestellt haben. Ist ja gerade das schöne und stressfreiere am Chatten gegenüber Telefon, dass man nicht sofort auf einen Klingelton reagieren muss, sondern dann antwortet, wenn man sowieso drauf schaut oder die LED leuchten sieht. Das kapieren zahlreiche Erwachsene offensichtlich nicht und bleiben mit der Art der insbesondere auch andere störenden alten Art zu kommunizieren. Wäre übrigens auch im Büro angenehm, wenn statt dauernden Anrufen mehr stille Messages geschickt würden, weil man dann nicht aus einer Arbeit rausgerissen wird, sondern in Ruhe einen Gedankengang beenden kann und dann 5 Minuten später schriftlich reagiert.

  • 1 Florian Müller 16.01.2019, 09:25 Uhr

    Schade. In der Verlinkung auf der Hauptseite des WDR wurde ein älterer Mann mit grauen Haaren und Smartphone in der Hand dargestellt, jetzt im Artikel geht es wiederum nur um Jugendliche. Ich spiele seit mehr als 2 Jahren Pokemon Go und kenne dadurch die Szene der intensiven Smartphone-Nutzer. Ich kenne nahezu keinen Jugendlichen mit auch nur den leisesten Hinweisen auf Suchtverhalten. In aller Regel sind die locker, machen mal intensiv mit und dann wieder nicht, weil anderes wichtiger ist. Demgegenüber kenne ich jede Menge Erwachsene, die ein Mobilegame mit Arbeit verwechseln, alles reglementiert haben wollen und extrem verbissen dabei sind. Auch in massive Beleidungen und Bedrohungen ausartetenden Streit um lächerliche Kleinigkeiten kenne ich nur unter Erwachsenen. Man soll doch bitte mal das Verhalten Erwachsener kritisch analysieren, anstatt immer wieder - in einer schon im antiken Griechenland bekannten Tradition - auf angeblich problematische Jugendliche zu zeigen.

Aktuelle TV-Sendungen