Anklage gegen IS-Rückkehrerin

Kämpfer des IS in Rakka

Anklage gegen IS-Rückkehrerin

Von Lena Kampf

  • Prozess gegen IS-Rückkehrerin in München
  • Angeklagte soll bei der Sittenpolizei des IS gearbeitet haben
  • Vorwurf: Tod eines Mädchens "billigend in Kauf genommen"

Als die deutschen Sicherheitsbehörden im Mai 2018 erfuhren, dass Jennifer W. aus Lohne wieder zum sogenannten "Islamischen Staat" ausreisen wollte, wandten sie eine List an. Eine Vertrauensperson der niedersächsischen Polizei bot ihr an, sie und ihre kleine Tochter bis nach Griechenland zu fahren, von wo aus sie mit dem Schiff weiter nach Syrien reisen wollte.

Jennifer W. nahm das Angebot an. Auf der Autofahrt Ende Juni 2018 soll sie dann dem angeblichen Glaubensbruder ausführlich von ihrer ersten Zeit beim IS berichtet haben. Und vom Tod eines kleinen Sklavenmädchens. In der Nähe von München nahmen Beamte sie fest.

Prozess in München

Der Generalbundesanwalt hat Jennifer W. im Dezember wegen Mordes und Kriegsverbrechen angeklagt. Er wirft ihr vor, eine nach humanitärem Völkerrecht zu schützende Person getötet zu haben. Sie wird sich außerdem wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung "Islamischer Staat" vor dem Oberlandesgericht München verantworten müssen und wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Prozessbeginn ist der 9. April.

Jennifer W. ist nicht die erste weibliche Rückkehrerin, die in Deutschland aufgrund im Herrschaftsgebiet des sogenannten Islamischen Staates mutmaßlich begangener Taten angeklagt ist, aber ihr Fall ist ein besonderer. Er zeigt, welch integralen Bestandteil auch Frauen in der Terrororganisation offenbar darstellten. Sie waren keineswegs nur Hausfrauen und Mütter, sondern direkt am Regime beteiligt.

"Sittenpolizistin"

So soll Jennifer W. nach eigenen Angaben Mitglied der "Hisba", einer Art Sittenpolizei, gewesen sein und bewaffnet in Parks in Falludscha und Mossul patrouilliert haben. Die 27-Jährige aus Lohne in Niedersachsen war 2014 ausgereist und kehrte im September 2016 schwanger zurück, um ihr Kind zu Hause in Deutschland auf die Welt zu bringen.

Angeklagt werden konnte sie aufgrund ihrer Angaben gegenüber der Vertrauensperson der Polizei. Dem Spitzel soll sie von einem Tag im Sommer 2015 berichtet haben, an dem ihr Ehemann Taha A. ein Mädchen in der Sonne habe verdursten lassen, das das Paar als Sklavin in ihrem Haushalt hielt.

Ein Mädchen verdurstete

Das Mädchen soll etwa fünf Jahre alt gewesen sein, als Jennifer W. und ihr Ehemann Taha A. es im Sommer 2015 in Falludscha gekauft hätten. Das Kind, offenbar eine jesidische Gefangene, soll von den Truppen des sogenannten "Islamischen Staats" im Irak erbeutet worden sein. Das Ehepaar habe sie für mehrere hundert Dollar gekauft.

Man suche sich aus, welches man will, habe Jennifer W. dem angeblichen Glaubensbruder im Auto erzählt. Doch nach wenigen Wochen sei das Mädchen krank geworden. Es konnte nicht mehr arbeiten, urinierte auf eine Matratze. Ihr Mann sei darüber so erbost gewesen, soll Jennifer W. auf der Fahrt erzählt haben, dass er das Kind zur Strafe aus dem Haus geschleppt und es bei 45 Grad in der Sonne im Hof mit Handschellen angekettet habe.

Das Kind habe sich nicht bewegen können und er habe ihm kein Wasser gegeben, soll Jennifer W. erzählt haben. Sie habe ihren Mann angefleht und ihn gewarnt, dass das Kind sterben werde. Doch Taha A. habe nicht auf sie gehört. Aber auch Jennifer W. löste die Fesseln ihrer Sklavin offenbar nicht oder brachte dem Kind etwas zu Trinken. Das Mädchen verdurstete. Das sei ein schlimmer Tag gewesen, soll Jennifer W. auf der Autofahrt erzählt haben.

Lesen Sie im zweiten Teil über das Leben im IS-Staat

Stand: 26.03.2019, 18:00

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