Kontrastmittel: Neue Geldquelle für Radiologen auch in Nordrhein

Kontrastmittel bei Röntgenaufnahme

Kontrastmittel: Neue Geldquelle für Radiologen auch in Nordrhein

Von Markus Grill

  • Radiologen können am Einsatz von Kontrastmitteln gut verdienen
  • Besonders lukrativ bei Abrechnung durch Pauschalen
  • NDR/WDR/SZ liegen interne Praxis-Unterlagen vor

Für niedergelassene Radiologen in Nordrhein war Weihnachten dieses Jahr bereits am 1. April. Denn seit diesem Tag dürfen sie im Gebiet der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein so genannte Kontrastmittel für CT- und MRT-Untersuchungen über Pauschalen abrechnen. Interne Unterlagen von Pharmaunternehmen und aus radiologischen Praxen bundesweit, die NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung vorliegen, zeigen jetzt erstmals, welch enorme Zusatzeinnahmen – bis zu 100.000 Euro pro Jahr und mehr - damit für Radiologen möglich sind.

Jeder dritte Patient bekommt Kontrastmittel

Etwa jeder dritte Patient bekommt Kontrastmittel gespritzt, bevor er zur Untersuchung in ein CT- oder MRT-Gerät geschoben wird. Die Mittel machen die Bilder klarer, und damit wird es dem Arzt in vielen Fällen erst möglich, eine genaue Diagnose zu stellen. In fünf Bundesländern erstatten die Krankenkassen den Ärzten dafür Pauschalen. Mit dieser Pauschale, so die Idee, sollen dem Arzt die Kosten für den Einkauf der Präparate erstattet werden.

Dutzende Rechungsunterlagen aus der Region Westfalen-Lippe sowie aus Bayern, Niedersachsen und Hamburg, wo die Pauschalen schon vor Jahren eingeführt wurden, zeigen nun aber, dass die Radiologen die Mittel deutlich günstiger einkaufen können, so dass ihre Ausgaben bei MRT-Kontrastmittel pro Patienten meist unter 20 Euro liegen, während die Kassen ihnen in Nordrhein dafür jetzt 75 Euro erstatten.

Abrechnung mit Pauschalen jetzt auch in Nordrhein

Bis Anfang 2019 haben die Krankenkassen in Nordrhein Kontrastmittel über Ausschreibungen bezogen. Das heißt, der günstigste Pharmahersteller bekam jeweils den Zuschlag. In Berlin, wo diese Methode ebenfalls angewandt wird, sparen die Krankenkassen nach eigenen Angaben damit allein bei Kontrastmitteln 7,7 Millionen Euro im Jahr ein. Die für Nordrhein zuständige AOK Rheinland/Hamburg will sich dagegen zu konkreten Zahlen nicht äußern. AOK-Chef Günter Wältermann lehnte ein Interview zu dem Thema ab. Über eine Sprecherin ließ er lediglich mitteilen: "Wir sind nicht befugt, Auskünfte zur Höhe der in der letzten Ausschreibung erzielten Einsparungen zu erteilen."

Umso mehr verwundert jetzt viele Beobachter, wieso sich die Krankenkassen in Nordrhein gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung auf das Pauschalen-Modell geeinigt haben. Warum erstatten die Kassen den Radiologen jetzt pro MRT-Patient 75 Euro fürs Kontrastmittel, und wie kommen sie auf diese Summe? Die Kalkulation unterliege "Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen", teilt die AOK Rheinland Hamburg mit. Auch was die Kassen bisher für Kontrastmittel ausgegeben haben, unterliege der "Schweigepflicht", so die AOK.

Laut den Einkaufsrechnungen aus Westfalen-Lippe und anderen Bundesländern können Radiologen auf dem freien Markt MRT-Kontrastmittel zum Preis von 80 Cent bis 1 Euro je Milliliter einkaufen. Die AOK versichert, diese Preise nicht zu kennen. "Einnahmen und Gewinne aus Kontrastmitteln" seien "uns nicht bekannt". Wüssten sie aber, dass Radiologen tatsächlich für einen Euro und weniger einkaufen könnten, wäre das "relevant", teilt die AOK mit.

Wie schädlich kann ein Kontrastmittel sein? Servicezeit 18.09.2018 06:47 Min. Verfügbar bis 18.09.2019 WDR

AOK Westfalen-Lippe prüft Umstellung auf Ausschreibung

Immerhin führt die AOK Rheinland/Hamburg nur für das Gebiet in Nordrhein die Verhandlungen auf Kassenseite. Für den anderen Teil von NRW, das Gebiet der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, ist die AOK Nordwest als Verhandlungsführerin zuständig. Dort wurden die Pauschalen schon vor Jahren eingeführt. Der AOK scheint nun aber zu dämmern, dass sie mit den derzeitigen Pauschalen viel zu viel an die Radiologen bezahlt, zumal sie in Schleswig-Holstein schon heute Ausschreibungen durchführt und daher weiß, zu welch niedrigen Preisen man die Mittel einkaufen kann. Auf Anfrage teilt die AOK Nordwest mit, dass sie derzeit prüfe, "ob eine Ausschreibung von Kontrastmitteln auch für die GKV in Westfalen-Lippe umgesetzt werden kann".

Bundesverband der Radiologen: "Prinzipiell nicht gut"

Der Verband der Radiologen hat keine einheitliche Position zu den Pauschalen. Während Mitglieder von Landesverbänden bei Verhandlungen beteiligt waren, die zur Einführung der Pauschalen führten, scheinen dem Vorsitzenden des Bundesverbands der Radiologen, Detlef Wujciak, die enormen Zuverdienstmöglichkeiten seiner Kollegen eher unangenehm zu sein. "Natürlich haben wir ein Problem damit, wenn Radiologen in einem Ausmaß an Kontrastmitteln verdienen, das relevant ist", sagt Wujciak im Gespräch mit NDR, WDR und SZ. Er halte deshalb auch das Pauschalen-Modell "prinzipiell nicht für gut", schließlich sei es "nicht das ärztliche Geschäft, Einnahmen aus Handel zu erzielen." Öffentlich hat sich der Verband bisher aber nicht gegen die Pauschalen gestemmt.  

Ehemaliger BGH-Richter fordert Verbot

Der ehemalige BHG-Richter Thomas Fischer hält das Pauschalen-Modell, bei dem Radiologen solch enorme Gewinne machen können, für "strafwürdig". Schließlich regele nicht nur das Berufsrecht, sondern auch das Strafrecht eigentlich, dass Ärzte nicht an der Verordnung von Medikamenten verdienen sollen. Fischer fordert im Gespräch mit NDR, WDR und SZ deshalb die Krankenkassen dazu auf, das Modell zu beenden. Der Gesetzgeber solle zudem dafür sorgen, dass diese Zusatzgewinne insgesamt untersagt werden.

Das Gesundheitsministerium selbst scheint sich dafür aber nicht zuständig zu fühlen. Jens Spahn (CDU) lehnt ein Interview zum Thema Kontrastmittel zwar ab, ließ seine Ministeriumssprecherin aber mitteilen, dass sich die Krankenkassen auch bei den Vereinbarungen über Kontrastmittel an das Wirtschaftlichkeitsgebot halten müssten. "Bei Verstößen können die Aufsichtsbehörden der Krankenkassen einschreiten", diese müssten die "Einhaltung des Wirtschaftlichkeitsgebots im Einzelfall prüfen".

Erstes Bild eines Schädels im CT (am 19.07.1983)

WDR 2 Stichtag 19.07.2018 03:48 Min. Verfügbar bis 16.07.2028 WDR 2

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Zahnarztpraxen als Renditeobjekt Markt 20.02.2019 05:42 Min. UT Verfügbar bis 20.02.2020 WDR Von Pia Busch

Stand: 01.08.2019, 17:00

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