Klimaschutz: "Man will es sich nicht mit dem Bürger verscherzen"

Bildmontage: Stadtverkehr(l), Industrie, Baustelle(r)

Klimaschutz: "Man will es sich nicht mit dem Bürger verscherzen"

  • NRW-Großstädte tun sich schwer mit Klimaschutz
  • WDR-Redakteur nennt Probleme und wirksame Maßnahmen
  • Zentrale Bereiche: Verkehr, Bauen und Wohnen, Industrie

WDR: Welche Bereiche sind entscheidend für wirksamen Klimaschutz in Städten?

Detlef Reepen: Verkehr, Bauen und Wohnen sowie Industrie. Hier haben die Städte Einfluss, aber sie machen nicht besonders viel.

WDR: Woran liegt das?

Detlef Reepen

Detlef Reepen

Reepen: Man will es sich oft nicht mit dem Bürger verscherzen. Entscheidungen gegen den Individualverkehr und pro ÖPNV werden nicht von allen geschätzt. Klimafreundliches Bauen ist einfach teurer. Und der Industrie kann man außer über Luftreinhaltung schwer Vorschriften machen.

WDR: Können Sie Beispiele nennen?

Reepen: Im Bereich Verkehr machen die zehn größten Städte in NRW praktisch nichts. Und beim Wohnen macht nur Bonn neuen Bauherren Vorschriften, dass sie nach einem gewissen Klimaschutzstandard bauen müssen. Ein allgemein positives Beispiel für Klimaschutz liefert die kleinere Großstadt Bottrop.

Bottrop übertrifft eigene Klimaziele

WDR 5 Quarks - Topthemen aus der Wissenschaft 11.07.2019 05:34 Min. Verfügbar bis 10.07.2024 WDR 5

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WDR: Fehlt es an Geld?

Reepen: Man sieht es an unserer Umfrage, dass arme Städte wie Duisburg, Dortmund oder Essen sich so etwas nicht leisten können. Das ist geradezu jammervoll, was die als Umweltschutzmaßnahmen aufführen.

WDR: Haben die Kommunen deshalb auch Angst, den ÖPNV massiv auszubauen?

Reepen: Der Verkehrsverbund Rhein-Sieg zum Beispiel hat neulich durchrechnen lassen, dass die Einführung eines 365-Euro-Jahrestickets für den gesamten VRS-Bereich 120 Millionen Euro kosten würde. Viele Kommunen im Rhein-Sieg-Kreis stehen unter Haushaltsvorbehalt. Die kriegen das Frieren, wenn sie solche Zahlen hören.

WDR: Wie geht Klimaschutz richtig?

Reepen: Wenn man bis 2030 die Emissionen deutschlandweit um 50 Prozent runterbringen will, dann müssen solche großen Investitionen angefasst werden. Dazu braucht es flankierende und offensive Bundes- und EU-Maßnahmen, gerade im Verkehrsbereich.

WDR: Welche konkreten Maßnahmen müssen ergriffen werden?

Reepen: Den Besitzern von Gebäude-Altbestand muss Hilfe angeboten werden, die Immobilien klimaverträglicher zu machen. Nur ein Prozent des Altbaubestands wird pro Jahr auf einen besseren Energiestandard umgestellt. Wir bräuchten drei Prozent.

Für Neubauten muss es klimaverträgliche Bauvorschriften geben. Und die Städte müssen Wege finden, den Nahverkehr zu fördern, anstatt das ganze Geld im Straßenausbau auszugeben.

WDR: Dafür bräuchte es mutige Entscheidungen.

Reepen: Ja. Und man darf nicht unterschätzen: Bei zehn, zwanzig Prozent weniger Emissionen müssten nur ein paar Stellschrauben nachgezogen werden. 50 Prozent in den nächsten elf Jahren erfordern aber den Umbau der sogenannten Stadtgesellschaft. Das ist ein Quantensprung.

Das Interview führte Frank Menke.

Klimanotstand - wie reagieren Kommunen 03:17 Min. Verfügbar bis 11.07.2020

Stand: 11.07.2019, 19:15

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