"Die Menschen vergessen, wie man sich bei Glätte verhält"

"Die Menschen vergessen, wie man sich bei Glätte verhält"

Von Jörn Kießler

Wenn die Herbstferien vorbei sind, wird es noch voller als sonst auf den Straßen in NRW. Unfälle, Staus und zähfließender Verkehr sind die Folge. Verkehrsexperte Prof. Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen erklärt, woran das liegt.

WDR: In den kommenden Monaten brauchen Autofahrer viel Geduld. Der November gilt als die staureichste Zeit des Jahres. Woran liegt das?

Verkehrsforscher Michael Schreckenberg

Verkehrsforscher Michael Schreckenberg

Michael Schreckenberg: Das hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist die Witterung. Es ist nass, Laub liegt auf der Straße, es ist länger dunkel und zu den Hauptverkehrszeiten steht die Sonne tief, was die Sicht bei Streulicht aufgrund beschlagener Scheiben stark erschwert.

WDR: Und dadurch kommt es zu mehr Unfällen, die dann den Verkehrsfluss lähmen?

Schreckenberg: Natürlich gibt es in dieser Zeit viele Unfälle, aber häufig lediglich mit Blechschäden. Der Hauptgrund für die vielen Staus ist, dass die Verkehrsteilnehmer dann vorsichtiger fahren. Das summiert sich auf und führt dazu, dass der Verkehr häufiger stockt.

WDR: Aber im Januar und Februar ist es auch noch kalt, früh dunkel und oft kommen noch Schnee und Eis dazu. Wieso gibt es dann nicht mehr Staus?

Schreckenberg: Eigenartigerweise vergessen die Menschen jedes Jahr, wie man sich bei Glätte verhält. Doch nach den ersten Tagen gewöhnen sie sich wieder an die schlechten Bedingungen, und der Verkehr läuft wieder besser.

WDR: Oder steigen dann mehr Menschen auf öffentliche Verkehrsmittel um?

Schreckenberg: Tatsächlich ist das nicht so. Denn vielen ist der öffentliche Nahverkehr zu teuer, zu unkomfortabel und zu unzuverlässig. Und bevor man an einem kalten Bahnhof auf einen verspäteten Zug wartet, nimmt man lieber das Auto...

WDR: … und steht dann im Stau?

Schreckenberg: Ja, aber wenigstens gibt es dort eine Heizung und man kann das Radio anmachen.

WDR: Wird es dadurch voller auf den Straßen in NRW?

Schreckenberg: Sobald die Herbstferien zu Ende sind, gibt es natürlich eine deutliche Verkehrszunahme. Doch selbst dann sind nicht so viele Verkehrsteilnehmer auf den Straßen unterwegs wie im Mai, dem Hauptverkehrsmonat, in dem es auch die meisten und vor allem schwere Unfälle gibt.

WDR: Aber im Mai sind die Wetterbedingungen doch meist viel besser?

Schreckenberg: Ja, und das ist auch der Grund für die vielen „Schönwetter-Unfälle“. Es werden höhere Geschwindigkeiten gefahren, und es sind viele mehr Verkehrsteilnehmer unterwegs: Autofahrer, Motorradfahrer, Radler.

WDR: Das hört sich an, als wäre vor allem der Mensch der Unsicherheitsfaktor. Könnten autonome Fahrsysteme die Straßen gerade jetzt im Herbst sicherer machen?

Schreckenberg: Ich denke nicht. Denn die Technik in den Autos kommt, zumindest heute noch, mit den widrigen Bedingungen noch viel schlechter zurecht als der Mensch.

Verdichtete Stadt – Das urbane Wohnen der Zukunft? Planet Wissen 08.04.2019 57:30 Min. Verfügbar bis 08.04.2024 ARD-alpha

Stand: 08.10.2019, 15:03

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