Wie Unwetter-Opfer ihr Trauma bewältigen können

Wie Unwetter-Opfer ihr Trauma bewältigen können

Die Opfer der Unwetter-Katastrophe brauchen nicht nur finanzielle, sondern auch psychologische Hilfe. Was kann helfen? Ein Gespräch mit einer führenden Ärztin am Universitätsklinikum Bonn, wo Opfer der Katastrophe behandelt werden.

Zehntausende Menschen leiden in NRW und Rheinland-Pfalz unter den Folgen der Unwetter-Katastrophe. Viele wird das traumatische Erlebnis ein Leben lang begleiten. Was fühlen die Opfer, wie kann man ihnen helfen? Antworten hat Dr. Ulrike Schmidt, stellvertretende Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn (UKB). Dort werden auch Opfer der Katastrophe behandelt.

WDR: Welche psychischen Traumata erleiden Menschen, die alles verloren haben, denen buchstäblich der Boden unter den Füßen weggerissen wurde?

Dr. Ulrike Schmidt, stellvertretende Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn (UKB)

Dr. Ulrike Schmidt, stellvertretende Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn (UKB)

Dr. Ulrike Schmidt: Da muss man erst einmal klären, was ein Trauma ist. Naturkatastrophen gehören dazu, Krieg, psychische Gewalt. Nicht jeder entwickelt nach einem Trauma eine psychiatrische oder psychische Erkrankung. Die häufigste Erkrankung, die aus solchen Erlebnissen entsteht, ist die posttraumatische Belastungsstörung. Dabei haben die Betroffenen teilweise oft noch Jahrzehnte später das Gefühl, die schrecklichen Momente dieses Traumas quasi wie in einem Film oder einer Bilderkette erneut durchleben zu müssen.

Das ist sehr unangenehm und kann zu Arbeitslosigkeit, zum vollständigen sozialen Rückzug bis hin zu Selbstmordgedanken führen. In manchen Fällen geht das von selbst wieder weg, in vielen aber bleibt das eben und sollte behandelt werden. Außer Traumafolgestörungen kann man auch andere Erkrankungen entwickeln, gerade wenn sie vorbestehen, etwa Depressionen oder Angststörungen.

WDR: Welche psychischen Phasen durchleben diese Menschen?

Dr. Schmidt: Da ist erst einmal der absolute Schock, der heißt in der psychiatrischen Fachsprache akute Belastungsreaktion. Dabei gibt es zwei Ausdrucksformen: Die häufigste nennt man im Volksmund Nervenzusammenbruch, man läuft schreiend umher, ist kaum zu beruhigen und gar nicht zugänglich. Die zweite, seltenere Form ist das Starrwerden, dass diese Menschen gar nicht mehr reden, auf einen Punkt starren, sich gar nicht mehr bewegen. Und dann gibt es noch die Trauer, wenn man Menschen verloren hat oder alles zerstört wurde, was man besaß.

Es gibt vier Phasen der Trauer: die erste ist, dass man es nicht wahrhaben will. Dann kommt die Phase, dass Emotionen aufbrechen, dass man fürchterliche Qualen erleidet, wenn man allmählich versteht, denjenigen oder meine Heimat gibt es nicht mehr. Dann kommt die Phase, in der man sich auch emotional trennt. Wenn man die Trauer abschließen kann und einen neuen Bezug zu sich und der Welt entwickelt, kann man sich ein Lebenskonzept auch ohne diesen Menschen und ohne dem, was verloren gegangen ist, aufbauen.

Traumaambulanzen: Hilfe für Opfer der Unwetter-Katastrophe

Betroffene der Unwetter-Katastrophe können die Angebote der Traumaambulanzen der Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland in Anspruch nehmen. Die psychologische Frühintervention der Traumaambulanzen steht laut Opferentschädigungsgesetz auch denjenigen zur Verfügung, die nach der Naturkatastrophe psychologische Hilfe benötigten, so das NRW-Sozialministerium.

Wer Hilfe in Anspruch nehmen möchte, kann sich an den Landschaftsverband Rheinland (Telefon: 0221/891-0) oder den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Telefon: 0251/591-01) wenden.

Außerdem gibt es die Möglichkeit, die Notfallseelsorgen in den betroffenen Gebieten in Anspruch zu nehmen oder anonym die Telefonseelsorge anzuwählen unter den Nummern 0800/1110111, 0800/1110222, 0800/6546546 oder 116123.

WDR: Warum ist es so wichtig, Menschen wie in Erftstadt-Blessem psychologisch zu begleiten, wenn sie in ihre Häuser zurückkehren und auf die Trümmer ihrer Existenz blicken?

Dr. Schmidt: Man muss sich vorstellen, dass diese Menschen den Ort des Schreckens aufsuchen, einen Ort, an dem sie mit ihren Ängsten eingesperrt waren und an dem sie womöglich selber Todesangst hatten. Man geht in das Areal zurück, in dem man das traumatische Erlebnis durchlitten hat. Das ruft bei etlichen Menschen psychische Symptome hervor.

WDR: Was macht das mit den Menschen, dass sie in den Fluten auch all ihre Erinnerungen an ihr bisheriges Lebens wie zum Beispiel Familienfotos verloren haben?

Dr. Schmidt: Da geht ein Teil der biographischen Identität verloren, alle Erinnerungen an Schul- oder Berufsabschlüsse, schöne Erlebnisse, Urlaube oder Treffen mit Freunden - in Wort und Bild. Wenn man zum Beispiel ein gutes Verhältnis zu seiner Oma hatte und plötzlich hat niemand mehr ein Foto von ihr, dann ist das so, als sei sie noch einmal gestorben.

WDR: Was sollten Unwetter-Opfer jetzt tun?

Dr. Schmidt: Sie sollten in Aktion treten, das macht man auch in der Therapie. Idealerweise sollten sich die Menschen mit ihrer Familie eine Liste machen und diese abarbeiten. Das ist materiell sinnvoll, was das Entschädigungsverfahren angeht, hat aber auch einen psychologischen Sinn, nämlich den, dass man eine Aufgabe hat. Wenn man keine Struktur oder keine Aufgabe hat, bietet das im Gehirn nur Raum für Grübeleien.

WDR: Sollten Betroffene auch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen?

Dr. Schmidt: Ja, wenn sie Symptome haben wie zum Beispiel Nachhall-Erinnerungen oder schwere Schlafstörungen, die länger als ein paar Tage anhalten. Manche Menschen schämen sich, darüber zu sprechen, weil sie denken, sie werden "verrückt". Ich rate dringend, sich in solchen Fällen an einen Psychologen, zumindest aber an einen Hausarzt zu wenden.

Hochwasser: "Wichtig, sich helfen zu lassen"

WDR 5 Mittagsecho 21.07.2021 04:21 Min. Verfügbar bis 21.07.2022 WDR 5


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WDR: Was sollten Katastrophen-Opfer nicht tun?

Dr. Schmidt: Unter keinen Umständen sollte man sich unmittelbar nach einem solchen Trauma Details der schrecklichen Erlebnisse erzählen. Das prägt sich in der Akutphase nach einem solchen Ereignis im Gedächtnis ein und fördert eine Traumafolgestörung oder Erkrankungen. Man sollte sich ablenken und dem Gehirn neue Bilder, neue Erinnerungen präsentieren.

WDR: Wie können die Katastrophen-Opfer jenseits des Materiellen perspektivisch ihr Leben wieder in den Griff bekommen?

Dr. Schmidt: Wichtig ist, mit der Familie oder Freunden Pläne zu schmieden. Toll ist, wenn man möglichst schnell wieder in den Alltag übergehen kann und auch in sein Berufsleben.

Das Interview führte Frank Menke.

Stand: 23.07.2021, 21:16

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