Weihnachten bei der Telefonseelsorge

Mitarbeiterin der Telefonseelsorge, 29.08.2019

Weihnachten bei der Telefonseelsorge

  • Viele Menschen suchen den menschlichen Kontakt
  • Familienstreitigkeiten sind ein großes Thema
  • Die Telefonseelsorge ist 24 Stunden am Tag erreichbar

Die Sozialpädagogin Rosemarie Schettler kümmert sich bei der Telefonseelsorge für Duisburg, Oberhausen und Mülheim an der Ruhr um die 120 ehrenamtlichen Telefonseelsorger. Gerade in der Weihnachtszeit rufen viele Menschen an, die jemanden zum Reden brauchen.

wdr.de: Frau Schettler, was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an Weihnachten?

Eine dunkelblonde Frau im mittleren Alter.

Rosemarie Schettler, Telefonseelsorge Duisburg.

Rosemarie Schettler: Für viele Menschen ist Weihnachten das Fest an dem sie es sich im Kreise ihrer Familie gut gehen lassen wollen. Da fällt manchen Menschen besonders auf, dass sie einsam sind oder aktuell eine schwere Zeit in ihrem Leben haben.

wdr.de: Rufen über die Feiertage also mehr Menschen an als sonst?

Schettler: Das kann man so nicht sagen. Es ist eigentlich wie immer: häufig rufen Menschen an, die chronisch psychisch krank sind und auch betreut werden. Die melden sich aber sowieso regelmäßig bei uns. Andere Menschen fühlen sich einfach einsam oder möchten ein Thema besprechen, über das sie mit niemand anderem reden können.

Telefonseelsorge - Hilfe für Menschen in Notsituationen

WDR 5 Morgenecho - Westblick am Morgen 29.11.2019 04:12 Min. Verfügbar bis 27.11.2020 WDR 5 Von Almut Horstmann

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wdr.de: Was sind das für Themen?

Schettler: Viele berichten auch von Familienstreitigkeiten. Die kochen an Weihnachten hoch. Gerade nach den Feiertagen, wenn die Familientreffen vorbei sind, rufen uns viele Menschen an und erzählen von dem Streit, den es gab. Andere Anrufer wollen einfach reden. Dann geht es häufig um ein Thema, über das sie gerade etwas im Fernsehen gehört haben. Da merkt man dann, dass diese Menschen nur wenige persönliche Kontakte haben.

wdr.de: Was tut denn die Telefonseelsorge für diejenigen, die sich einsam fühlen?

Schettler: Wir sind der Gesprächspartner. Wir wollen den Leuten keine Ratschläge geben. Unser Ziel ist es, die Person ernst zu nehmen. Mit wem haben wir es zu tun? Was ist sein oder ihr Thema? Aber wir versuchen auch die Einsamkeit zu formulieren. Was bedeutet es der Person, dass sie einsam ist? Tut es dem Menschen gut, wenn wir mit ihm plaudern?

wdr.de: Für viele Menschen ist der Winter emotional eine schwierige Jahreszeit. Merken Sie das in der Telefonseelsorge?

Schettler: Wenn manche Menschen momentan emotional nicht so stabil sind wie sonst, dann trägt der Winter bestimmt etwas dazu bei. Das kann der Grund sein, warum manche sich im Winter eher trauen, bei uns anzurufen. Aber das schlägt sich nicht in der Zahl der Anrufe nieder.

wdr.de: Auch über die Weihnachtsfeiertage ist ihre Telefonzentrale durchgehend besetzt. Wie sieht es dort an Weihnachten aus?

Schettler: Es werden rund um die Uhr ein bis zwei Ehrenamtliche da sein. Die Dienste dauern jeweils nur ein paar Stunden. Uns ist es ganz wichtig, dass die Ehrenamtlichen in der Zentrale sitzen und nicht von zuhause aus Anrufe annehmen. Sonst besteht die Gefahr, dass man an Weihnachten nebenher den Baum schmückt, während jemand am Telefon über seine Sorgen berichtet.

Das Interview führte Leon Kaschel

Stand: 24.12.2019, 06:00

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