Wie geht es weiter mit dem Fußball? Ausblick mit WDR-Sportchef Steffen Simon

WDR-Sportchef Steffen Simon.

Wie geht es weiter mit dem Fußball? Ausblick mit WDR-Sportchef Steffen Simon

Mit dem Bundesliga-Klassiker Bayern München gegen Schalke 04 startete die neue Fußballsaison. Sie beginnt, wie die vergangene beendet worden ist – mit besonderen Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie. Wir sprachen mit WDR-Sportchef Steffen Simon über Erfahrungen, Aussichten und was die Sportschau-Zuschauer*innen in der neuen Saison erwartet.

WDR: Nahezu täglich überschlagen sich derzeit die Meldungen in der Diskussion über eine Rückkehr der Fans in die Stadien. Sorgen die unterschiedlichen Bestimmungen für eine Wettbewerbsverzerrung – auch schon am 18. September?

Steffen Simon: Die Liga wird um eine klare Lösung bemüht sein - wobei das weniger eine sportliche als eine politische Frage ist. Da war zuletzt viel Symbolik im Spiel. Ob es dann 8500 Fans in Leipzig oder nur 300 in Mainz sind, ist in Bezug auf die sportliche Chancengleichheit völlig unerheblich. Volle Emotionalität gibt es nur in vollen Stadien.

Mannschaftssport außer Fußball existentiell bedroht

Man darf aber auch das gesellschaftliche Interesse nicht unterschätzen. Die Menschen sind müde von den regionalen Unterschiedlichkeiten, sie sehnen sich nach klaren Regelungen. Der Fußball kann die momentane Situation überleben, andere Mannschaftssportarten in Deutschland sind von der Zuschauerfrage existentiell betroffen.

„Mir fehlt das emotionale Gesamterlebnis“

WDR: Apropos Emotionen. Wie haben Sie die neun Geister-Spieltage der vergangenen Saison erlebt, wie gut haben die Vereine die Situation gemeistert?

Steffen Simon: Ich habe großen Respekt vor der Leistung der Liga und ihrer Vereine. Die Deutsche Fußball-Liga hatte als erste Organisation ein stimmiges Hygienekonzept – diese diente als Blaupause für die anderen Ligen in Deutschland und Europa. Dem Fußball ist es zu verdanken, dass es weiterging. Mir persönlich fehlt das soziokulturelle Erlebnis auf der Tribüne oder in vollen Kneipen, überhaupt das emotionale Gesamterlebnis. Geisterspiele begeistern mich nicht.

WDR: War es denn letztendlich richtig, die Saison zu Ende zu spielen? Heiligt da der Zweck die Mittel?  

Steffen Simon: Die Liga hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass es ihr nicht primär um die Sehnsucht des Publikums ging, sondern das eigene wirtschaftliche Überleben. Die Existenz vieler Klubs stand auf dem Spiel. Die Organisationsleistung war herausragend, aber unterm Strich blieben es Spiele unter Trainingsplatzbedingungen.

WDR: Wie nachhaltig hat die Corona-Krise die Sportwelt verändert – und wird es auch noch tun?

Steffen Simon: Die Corona-Krise ist kein reinigendes Gewitter, sondern eine existentielle Bedrohung für den internationalen Sportbetrieb. Den Fußball wird es zuletzt treffen. Für die anderen Sportarten wird viel davon abhängen, ob 2021 die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden. Sollte das Geld aus den Fernsehlizenzen ausbleiben, werden viele internationale Sportverbände nicht überleben. Denn sie sind ausschließlich von den Zuwendungen durch Olympia abhängig.

WDR: Hat Corona den Sport noch politischer gemacht?

Steffen Simon: Das würde ich nicht sagen, denn der Sport war schon immer politisch. Die Corona-Krise hat die wirtschaftlichen Auswüchse schonungslos offengelegt.

Kontakt zur DLF war sehr „kommunikationsintensiv“

WDR: In welcher Form lief der Kontakt zur DFL ab – gab es da eine Standleitung?

Steffen Simon: Die Kommunikation lief zweigleisig. Zum einen stand die Frage im Raum, wie die Sportredaktion die Übertragungen organisiert. Der andere wichtige Aspekt war die Rechte-Ausschreibung. Es war also ein kommunikationsintensives halbes Jahr.

WDR: Was ändert sich für die Zuschauer*innen in der neuen Saison? Welche Neuerungen gibt es?

Steffen Simon: Wir haben in der Sportschau-Bundesliga einen personellen Umbruch schon vor der vergangenen Saison im Moderations-Team begonnen. Nun haben wir auch bei den Kommentator*innen mit Stephanie Baczyk und Robby Hunke zwei frische Kräfte, die eine tolle Entwicklung genommen haben.

WDR-Sportchef Steffen Simon.

Nach 22 Jahren nimmt Steffen Simon Abschied von seinem Kommentator-Job.

WDR: Auch Sie sieht man in neuer Funktion...

Steffen Simon: Ich war 22 Jahre lang Kommentator und finde es wichtig, den Zeitpunkt des Abschieds selbst zu bestimmen. Ich habe es gerne gemacht, doch nun ist Zeit für andere. Die Aufgaben am Campus haben inzwischen einen so großen Umfang, dass ich hier voll eingebunden bin.    

Erstmals Bewegt-Bilder von der Fußball-Bundesliga im Netz

WDR: Wie sieht es inhaltlich aus?

Steffen Simon: Sportschau.de werden wir in den kommenden Wochen mit fünf zusätzlichen Mitarbeiter*innen weiter ausbauen, zur Saison 21/22 können wir zum ersten Mal Bewegt-Bilder aus der Fußball-Bundesliga im Netz zeigen, dazu alle 617 Spiele der ersten und zweiten Liga über unsere digitalen Ausspielwege in voller Länge live als Audio übertragen. In der am Sonntag nun mit 50 Minuten deutlich längeren Sportschau ist die Hintergrundberichterstattung ein wichtiger und verlässlicher Bestandteil. Die Regel-Live-Berichterstattung über die Spiele der 3. Liga Live werden wir etwas zurückfahren.

„Unsere investigative Berichterstattung ist einzigartig“

WDR: Gibt es mehr Hintergrundberichte – auch über Fußball in Zeiten von Corona?

Steffen Simon: Die Hintergrundberichterstattung ist das, was die WDR-Sportredaktion von allen anderen unterscheidet. Unsere investigative, sportpolitische Berichterstattung ist in dieser Form einzigartig in Deutschland. Sie hat dafür gesorgt, dass wir so gut über den Lockdown gekommen sind. Unser Bemühungen sind coronaunabhängig.

WDR: Stichwort ausgefallene Fußball-Europameisterschaft 2020. Die Vorbereitung war schon auf der Zielgeraden...?

Steffen Simon: Das Programmkonzept steht, die Pläne liegen in der Schublade. Wie die Rahmenbedingungen dann tatsächlich sind, muss man abwarten. Allerdings steht die Grundsatzentscheidung, das Turnier mit denselben Teams in denselben Städten auszutragen. Sollte sich dies pandemiebedingt ändern, hat die UEFA mit dem Champions-League-Turnier in Lissabon oder dem Europa-League-Turnier in NRW Blaupausen für die Durchführung der Euro in einer Bubble.

„Ab der Saison 21/22 zeigen wir auch Partien aus der 2. Liga“

WDR: Die ARD hat die Fußball-Bundesligarechte bis einschließlich der Saison 24/25 erhalten...

Steffen Simon: Das gibt uns Planungssicherheit für die kommenden Jahre. Ab der Saison 21/22 werden wir neben den Spielen der 1. Bundesliga auch am Freitag und Sonntag Partien aus der 2. Liga zeigen.  Dazu kommen die eben erwähnten digitalen Rechte, die wir als Zukunftssicherung unseres Angebots verstehen.

WDR: Die Bayern sind derzeit das Maß aller Dinge. Auch in der kommenden Saison?

Steffen Simon: Das zentrale Problem der Bundesliga ist der fehlende Wettbewerb. Der Reiz des Fußballs ist die Unkalkulierbarkeit des Ergebnisses. Ich fürchte, dass dieser Reiz durch die Überlegenheit des FC Bayern weiterhin ausbleibt.

Stand: 18.09.2020, 08:47

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