Nach WDR-Interview: Psychologe macht drastische Hass-Erfahrung

Nach WDR-Interview: Psychologe macht drastische Hass-Erfahrung

Seit einem WDR-Interview zum Mülheimer Vergewaltigungsfall werden der Essener Kriminalpsychologe Christian Lüdke und seine Familie massiv bedroht. Grund ist ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat.

Zitiert wird Christian Lüdke in den sozialen Medien so: "Sie wird dann später ein anderes Leben führen, als sie ohne diese Vergewaltigung geführt hat, aber dieses Leben muss nicht unbedingt schlechter sein, es ist einfach nur anders." Diese Aussage ist bewusst aus dem Zusammenhang gerissen. Lüdke verhöhne das Opfer der mutmaßlichen Vergewaltigung von Mülheim, heißt es. Am Freitag (12.07.2019) nahm der Kriminalpsychologe dazu Stellung.

WDR: Neben dem Shitstorm im Netz: Werden Sie auch persönlich angegriffen?

Christian Lüdke: Ja, in Mails. Diese Drohungen gehen nicht nur gegen mich. Meiner Frau und meinen Töchtern wird da gewünscht, dass sie auch vergewaltigt werden, oder dass man ihnen Beine und Arme abhackt.

WDR: Haben Sie den Eindruck, dass man Sie und Ihre Arbeit diskreditieren will?

Lüdke: Ja. Reflektierte Kritik nehme ich gerne an. Aber diese Form ist sehr gesteuert mit dem Ziel, mir persönlich zu schaden.

WDR: Was möchten Sie diesen Hass-Kommentatoren antworten?

Lüdke: Dass sie sich erst einmal mit meiner Arbeit auseinandersetzen. Ich stehe seit 30 Jahren immer auf der Opferseite. Ich habe noch nie Täter behandelt, und das würde ich auch nicht machen. Ich arbeite viel mit traumatisierten Gewaltopfern - darunter sind Frauen, die vergewaltigt wurden, aber auch Opfer von Terroranschlägen und Amokläufen oder Krebspatienten.

WDR: Wie ist Ihre Aussage "... dieses Leben muss nicht unbedingt schlechter sein ..." im richtigen Zusammenhang zu verstehen?

Lüdke: Es geht darum, wie ein Opfer von Gewalt dieses Erlebnis verarbeiten kann. Im konkreten Fall Mülheim: Diese Vergewaltigung wird immer ein ganz schrecklicher, ekelhafter Teil des Lebens der jungen Frau sein. Aber warum soll sie denn später nicht, nach Hilfestellungen von Therapeut, Familie und Freunden, unbeschwert am Leben teilnehmen? Man kann lernen, mit einem solchen Trauma zu leben.

WDR: Macht Sie diese Form der Bedrohung eher wütend, oder haben Sie Angst?

Lüdke: Angst habe ich um meine Familie. Ansonsten macht mich das schon wütend. Wenn Sie diese Droh-Mails lesen, haben Sie den Eindruck, die Verfasser sind unberechenbar. Ich bin Kampfsportler, habe früher viel geboxt. Ich kann gut einstecken und gehe auch keiner Konfrontation aus dem Weg, wenn sie nach fairen Regeln abläuft. Aber das hier ist feige und widerwärtig.

WDR: Was ärgert Sie besonders?

Lüdke: Dass diese Leute sich aufspielen als Moralapostel, die über allem stehen, als Hüter aller Werte und Normen - ohne auch nur ansatzweise ein Grundverständnis für meine Arbeit zu haben.

Das Interview führte Frank Menke.

Stand: 12.07.2019, 19:59

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