Sexueller Missbrauch: "Kinder schützen ihre Eltern"

Sexueller Missbrauch: "Kinder schützen ihre Eltern"

  • Sexueller Missbrauch passiert meist in Familien oder im Umfeld des Kindes
  • Solche Verdachtsmomente gibt es auch im Fall Münster
  • Interview mit der Leiterin des "Kompetenzzentrums Kinderschutz im Gesundheitswesen NRW"

Im Missbrauchsfall Münster soll die Mutter eines zehnjährigen Sohnes gewusst haben, dass ihr Lebensgefährte sich an ihm verging. Auch ein Vater eines Fünfjährigen steht unter schwerem Verdacht. Wie schwer Missbrauch in der Familie wiegt, schildert. Prof. Dr. Sibylle Banaschak. Sie ist Leiterin des "Kompetenzzentrums Kinderschutz im Gesundheitswesen NRW" am Institut für Rechtsmedizin in Köln. Es berät Ärzte, wenn diese einen Verdacht auf Kindesmisshandlung haben.

WDR: Spielt sich der Großteil von sexuellem Kindesmissbrauch in Familien ab?

Dr. Sibylle Banaschak

Prof. Dr. Sibylle Banaschak: Ja. In der Familie beziehungsweise im Umfeld des Kindes. Das müssen nicht direkt familiäre Verwandte sein. Das können auch Personen sein, die dem Kind bekannt und vertraut sind. Aber wir kennen natürlich nur die Fälle, die in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst werden. Uns ist allen klar, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt. Jedenfalls überwiegen die Täter aus dem Umfeld des Kindes deutlich gegenüber Fremdtätern.

WDR: Ist es schwieriger, Kindesmissbrauch in einer Familie zu erkennen als durch Fremde?

Banaschak: Ja, denn die Kinder haben ein Loyalitätsverhältnis zu ihren Eltern. Sie schützen ihre Eltern und die 'familiären Geheimnisse'. Bei einem Fremdtäter besteht auch von Seiten der Eltern keine Hürde, das anzuzeigen. Die Nähe zu dem Täter macht das Ganze für die Kinder so psychisch belastend. Und so schaffen es diese Täter eben auch, dass die Kinder nicht reden.

WDR: Was erleben Kinder, wenn vermeintliche Vertrauenspersonen wie Mutter, Vater oder Verwandte am Missbrauch beteiligt sind?

Banaschak: Sie erleben einen massiven Vertrauensbruch. Das ist auch ein absoluter Verlust von Vertrauen in das Leben. Daran können Kinder verzweifeln. Das hat auch viele Spätfolgen wie Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, Drogenkonsum und Suizidalität. Es ist schwierig, psychisch zu überleben, wenn man jahrelang von seinem engsten Umfeld missbraucht wurde.

WDR: An wen können sich solche Kinder überhaupt wenden, wenn die eigentlich engsten Vertrauenspersonen dafür nicht in Frage kommen?

Banaschak: Kinder, die noch nicht sprechen können, sind diesen Personen ausgeliefert. Bei älteren kann es natürlich Vertrauenspersonen geben, in der Kita, in der Schule, im Sportverein oder in der Nachbarschaft. Aber bekannt ist auch, dass Kinder öfter etwas sagen müssen, bis endlich etwas passiert – im Schnitt sieben Mal.

WDR: Funktionieren Sensibilisierungs- oder Aufklärungsprogramme in Schulen oder Kitas nicht?

Banaschak: Wir wissen nicht, ob sie nicht funktionieren. Tatsache ist, dass es trotz Präventionsprogrammen zahlreiche Missbrauchsfälle gibt. Warum das so ist, kann man nur vermuten. Kinder reden nicht, weil sie nicht wollen, dass die Familie zerstört wird oder der Papa ins Gefängnis kommt. Und bei Verhaltensauffälligkeiten können Erzieher oder Lehrer oft auch nicht sicher darauf schließen, woher diese rühren. Das ist auch immer eine Gratwanderung zwischen 'Hexenjagd' und Übersehen von tatsächlichen Missbrauchsfällen. Ein einmal geäußerter Verdacht ist ja nicht mehr einzufangen.

WDR: Inwieweit helfen altersgerechte Präventionsprogramme für Kinder?

Banaschak: Präventionsprogramme oder zielgerichtete Theaterstücke können ein Baustein dazu sein, Kinder in ihrem Selbstbewusstsein stark zu machen und dass sie Nein sagen dürfen. Aber von einem Kind zu erwarten, dass es sich selbst aus einer Missbrauchssituation befreit, würde bedeuten, die Verantwortung zu verschieben. Die Kinder sind nicht dafür verantwortlich, dass die Erwachsenen aufhören.

Das Interview führte Frank Menke.

Stand: 09.06.2020, 18:20

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