Überlebenskünstler auf dem Acker

Kartoffeln der Sorten Siglinde (gelb), Blauer Schwede (blau/violett) und Rote Emmalie (rosa)

Überlebenskünstler auf dem Acker

  • Eins der größten Saatgutfestivals in NRW am Samstag (10.03.2018) in Düsseldorf
  • Zu sehen: Aussterbende regionale Gemüsesorten
  • Chemiekonzerne wollen einheitliche Pflanzen

Früher war es selbstverständlich: Bauern bewahrten einen Teil ihrer Ernte auf, um die Samen im nächsten Jahr wieder auszusäen. So hatten sie robuste Pflanzen, die sich auch klimatischen Veränderungen gut anpassen konnten.

Saatgutfestival Düsseldorf

WDR Studios NRW | 10.03.2018 | 00:45 Min.

Mittlerweile sind fast 90 Prozent dieser sogenannten samenfesten Sorten von den Äckern verschwunden. Neue Hochleistungssorten sollen das maschinelle Ernteverfahren vereinfachen oder gezielt auf bestimmte Pestizide reagieren. Sie sind meist nicht mehr vermehrungsfähig: Bauern müssen ihr Saatgut alljährlich neu kaufen. Viele altbewährte Samenarten seien dagegen nicht mehr zugelassen, sagt Dorothea Wamper vom Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN). Sie ist Mitorganisatorin des Saatgutfestivals in Düsseldorf.

WDR.de: Welche regionalen Sorten werden auf dem Festival gezeigt?

Verschiedene (alte) Tomaten-Sorten

Robuster und leckerer: Alte Tomatensorten

Dorothea Wamper: Zum Beispiel die Paas Lintorfer Frühe, eine Bohne, die Dank VEN-Mitglied Raimund Günster wieder im Handel zu erhalten ist. Die 90 Jahre alte Gärtnerin Eike Bretschneider hat eine rote Variante des Venezianer Salats dabei, die Bergische Gartenarche wird Sorten aus der Region Wuppertal mitbringen. Im letzten Jahr hatte sie die Stangenbohne "Schlachtschwert" dabei. Es sind auch Sorten dabei, die sich für den Balkon eignen.

WDR.de: Warum ist es so wichtig, "samenfeste" Sorten zu erhalten?

Wamper: Sie haben nicht nur mehr Geschmack. Viele von ihnen kommen mit schlechten Witterungsbedingungen und Böden zurecht, sind sehr anpassungsfähig. Das ist gerade in Zeiten des Klimawandels wichtig. Wir haben eine Winterzuckererbse, die auch Frost aushält. Die Selleriesorte "Hochdahler Markt" fault auch in regenreichen Sommern nicht.

WDR.de: Wieso verschwinden sie trotzdem zunehmend vom Markt?

Wamper: Die Großkonzerne wollen Pflanzen, die sehr einheitlich sind: Bei Tomaten ist beispielsweise nicht nur das Aussehen der Frucht vorgeschrieben, sondern auch die Blüte, die Blätter, ihr Winkel zum Stengel. Das schaffen samenfeste Sorten kaum. Viele haben deshalb keine Zulassung mehr. Sie dürfen nicht in den Handel gebracht werden. Sie dürfen weder verkauft noch gegen Spende abgegeben werden.

Mit sogenannten Hybriden aber können Großkonzerne viel Geld machen. Sie sind genau kalkulierbar und dürfen nicht nachgebaut werden – was ohnehin nicht sinnvoll wäre, da die nächste Generation der Pflanzen weniger ertragreich ist. Großkonzerne wie Monsanto kaufen kleine Firmen auf und verkaufen unter dem alten Namen ihr Saatgut. So wird unter dem Namen Kiepenkerl Saatgut verkauft, dessen Sorteninhaber Monsanto ist.

Das Interview führte Nina Magoley.

Stand: 10.03.2018, 06:00