Rita Süssmuth: "Dieser heutige Tag war für uns Frauen beglückend"

Angela Merkel und Rita Suessmuth

Rita Süssmuth: "Dieser heutige Tag war für uns Frauen beglückend"

Schon war wieder ein Mann im Gespräch gewesen für das ehrwürdige Amt - doch dann wurde Bärbel Bas heute Bundestagspräsidentin. Ihre Vorgängerin Rita Süssmuth erlebte einen "beglückenden Tag für uns Frauen".

Zehn Jahre lang war Rita Süssmuth (CDU) Bundestagspräsidentin: Von 1988 bis 1998 - die zweitlängste Amtszeit in der Geschichte des Bundestages. Doch dann fiel das ehrenvolle Amt für viele Jahre wieder an die ohnehin weit überzähligen Männer im Parlament.

Und auch für die bevorstehende Legislaturperiode waren zunächst männliche Namen gehandelt worden: Rolf Mützenich (SPD) galt als Favorit. Dann wären die drei wichtigsten Ämter im Staat wieder von Männern besetzt gewesen. Doch dagegen gab es Protest. Und schließlich wurde es Bärbel Bas.

Rita Süssmuth sitzt neben Angela Merkel im Bundestag

Die mittlerweile 84-jährige Rita Süssmuth, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, saß bei der feierlichen Ernennung am Dienstag neben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

WDR: Frau Prof. Süssmuth, was ging Ihnen heute durch den Kopf?

Rita Süssmuth: Dieser heutige Tag war für uns Frauen beglückend. Endlich wird gesehen: Wir können erstens so nicht weiter machen, und zweitens: Die Frauen können es! Frauen werden ständig als systemrelevant bezeichnet. Zuletzt in der Coronakrise hat sich gezeigt, wie dringend Frauen gebraucht werden - mit ihren Erfahrungen und den eigenen Perspektiven.

Das war ein aufbauendes Erlebnis für mich und hoffentlich viele andere - zu sehen: Frauen können alles genau so gut wie Männer. Eine Selbstverständlichkeit. 

WDR: Bärbel Bas stand bisher nicht sonderlich im Rampenlicht. Als gesundheitspolitische Sprecherin der SPD ließ sie in der Corona-Pandemie zu, dass Karl Lauterbach zur gesundheitspolitischen Stimme der SPD wurde. Fehlt Bärbel Bas der Biss für das Amt der Bundestagspräsidentin?

Süssmuth: Das glaube ich nicht. Ich habe sie heute erlebt als eine Frau, die unmittelbar Kontakt mit Parlamentariern aufnahm, gleich formell und informell auf Fragen einging und ich bin davon überzeugt, sie lässt Herrn Lauterbach seine Kompetenz und wird ihre Kompetenz mit einbringen.

WDR: Sie waren selbst lange Zeit Bundestagspräsidentin. Seit die AfD im Bundestag sitzt, ist das Klima dort um einiges rauer geworden. Wie dick muss das Fell einer Bärbel Bas künftig sein?

Süssmuth: Das Fell muss nicht dick sein, aber einiges vertragen können. Vor allem darf man es die anderen nicht merken lassen, wenn man dünnhäutig ist, denn das könnte unverschämt ausgenutzt werden.

Die SPD Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas hält eine Rede am Redepult

Bärbel Bas: "Das Fell muss nicht dick sein"

Ich habe Frau Bas erlebt: Sie steht mitten im Leben. Sehen Sie sich ihre Biografie an. Sie hat später auch den Hörsaal nicht gescheut und war stets lernfähig.

WDR: Wo sehen Sie ihre wichtigsten Aufgaben?

Süssmuth: An erster Stelle: Die Anerkennung des Parlaments zurückzugewinnen. Wieder Vertrauen herzustellen zwischen gewählten Bürgerinnen und Bürgern und dem Volk. Denn da ist im Augenblick viel Ungutes unterwegs - viele wollen sich nur selbst bereichern, viele haben keine Ideale und Werte mehr. Das ist für mich die wichtigste Aufgabe.

Die zweite Aufgabe ist, dass diese Demokratie nur aktiv erhalten werden kann, wenn aktive Bürgerinnen und Bürger da sind, die dafür kämpfen, dass die Demokratie glaubwürdig gelebt wird. Und als Drittes: Es stehen Riesenaufgaben an - im Bereich Klima, Umwelt, Energie und Bildung. Die Menschen müssen sagen können: Ja, wir sind wieder auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Nina Magoley.

Stand: 26.10.2021, 21:59

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