Pogromnacht: Immer weniger Zeitzeugen

Zersplitterte Schaufensterscheibe eines jüdischen Geschäfts

Pogromnacht: Immer weniger Zeitzeugen

  • 80 Jahre Novemberpogrome
  • Zeitzeugen gibt es immer weniger
  • Interview mit Christoph Spieker vom Geschichtsorts Villa ten Hompel in Münster

WDR: Herr Spieker, in diesem Jahr jährt sich die Pogromnacht zum 80. Mal. Gibt es noch Zeitzeugen in NRW, die darüber berichten können?

Christoph Spieker: Mir fallen nur drei ein. Mittlerweile ist es schwierig geworden, Menschen zu treffen, die damals alt genug waren, um die Pogrome bewusst zu erleben und heute noch gesundheitlich fit genug sind, um davon zu erzählen. Und natürlich müssen die Menschen dazu auch bereit sein.

Dr. Christoph Spieker

Christoph Spieker ist Leiter des Geschichtsorts Villa ten Hompel in Münster. Forschungsschwerpunkte des Historikers sind unter anderem die Polizei- und Regionalgeschichte insbesondere während des Nationalsozialismus und die Erinnerungskultur in Westfalen.

WDR: Warum wollen manche Zeitzeugen ihre Geschichte nicht weitergeben?

Spieker: Manche Betroffenen haben eine Art Mechanismus entwickelt, um mit den schrecklichen Erlebnissen fertig zu werden. Und es hängt davon ab, in welchem Umfeld sie davon berichten. Im Privaten ist das einfacher als öffentlich oder bürokratisch.

WDR: Was meinen Sie mit einem bürokratischen Umfeld?

Spieker: Der spätere Regisseur Imo Moszkowicz hatte beispielsweise eine Aussage zur Reichskristallnacht vor Gericht gemacht. Weil er 1938 noch sehr jung war, nahmen ihn die Richter nicht richtig ernst. Daraufhin weigerte er sich später, im Auschwitzprozess auszusagen.

WDR: Gibt es auch andere Fälle?

Spieker: Natürlich. Ich habe schon oft bei Zeitzeugen erlebt, dass sich ein fast familiäres Verhältnis entwickelt, wenn man ihnen Wertschätzung entgegenbringt. Ich wurde von einer Überlebenden mal nach San Francisco eingeladen, weil sie sich darüber freute, dass ich mich für ihre Geschichte interessierte.

WDR: Wie wichtig sind Zeitzeugen gerade für die geschichtliche Bildung von jungen Menschen?

Spieker: Sehr wichtig. Natürlich kann man sich auch eine Dokumentation über den Holocaust oder ein Interview mit einem Zeitzeugen auf Video anschauen. Aber dann geht die Möglichkeit verloren, selbst Fragen zu stellen.

Pogrome 1938: mehr Tote als angenommen

WDR 5 Westblick - Interview | 05.11.2018 | 05:00 Min.

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WDR: Was ist daran so wichtig?

Spieker: Die Erfahrung, selbst mit einer Person gesprochen zu haben, die den Holocaust erlebt hat. Je eher es eine Form der Beteiligung gibt, desto eher können die Schüler Empathie entwickeln. Sie denken mehr über die Informationen nach, bringen Gefühle damit in Verbindung und sie verfestigen sich dadurch.

WDR: Was passiert, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?

Spieker: Darüber haben wir uns auch Gedanken gemacht. Derzeit testen wir ein neues Programm mit sogenannten "Erinnerungspaten". Das sind Menschen, die Zeitzeugen lange begleitet haben und deren Geschichte gut kennen.

Wenn die Zeitzeugen irgendwann nicht mehr selbst Fragen beantworten können oder wollen, dann übernehmen sie das.

Das Interview führte Jörn Kießler.

Stand: 09.11.2018, 06:00

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