Corona: Angst ist eine Frage der Gewohnheit

Coronavirus: Hysterie um Mundschutze und Desinfektionsmittel Lokalzeit Bergisches Land 02.03.2020 02:30 Min. Verfügbar bis 02.03.2021 WDR Von Klaudia Deus

Corona: Angst ist eine Frage der Gewohnheit

  • Menschen zwischen Gleichgültigkeit und Hamsterkäufen
  • Aufklärung hilft gegen den Herdentrieb
  • Interview mit Bochumer Angstforscher Jürgen Margraf

Professor Jürgen Margraf befasst sich mit der Therapie von Angststörungen. Er ist Dekan der Fakultät für Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Ein Gespräch über unseren Umgang mit dem Coronavirus.

WDR: Herr Professor Margraf, grob gesagt, gibt es derzeit in NRW zwei Typen von Menschen im Bezug auf den Umgang mit dem Coronavirus. Die einen leben ihr Leben wie gewohnt weiter. Die anderen tätigen Hamsterkäufe und decken sich mit Mundschutzmasken ein. Zu welchen Typ gehören Sie?

Ein Mann mit grauen Haaren steht mit einem Anzug bekleidet vor einer Glasfassade

Der Psychologie Jürgen Margraf ist Professor an der Ruhr-Universität Bochum

Jürgen Margraf: Auch wenn ich natürlich nicht frei von Angst bin, gehöre ich eher zur ersten Gruppe. Wobei ich mir auch schon Gedanken gemacht habe, ob ich für den Fall einer häuslichen Quarantäne genügend Lebensmittel im Haus habe. Allerdings hat die Persönlichkeit eines Menschen eher weniger Einfluss darauf, ob er Angst hat.

WDR: Es kommt nicht darauf an, was für ein Typ man ist?

Margraf: Wir tendieren dazu, das Verhalten des Menschen mit seiner Persönlichkeit in Verbindung zu bringen. Diese hat daran aber nur einen Anteil von etwa 20 Prozent. Viel größeren Einfluss auf die Angstbereitschaft hat die Situation, in der sich ein Mensch befindet.

WDR: Was bedeutet das für unseren Umgang mit dem Coronavirus?

Margraf: Als soziales Wesen orientiert sich der Mensch in seinem Verhalten stark an seiner Umwelt und vor allem an seinen Mitmenschen. Herrscht in seinem Umfeld Alarmbereitschaft oder Furcht, überträgt sich das auf ihn.

WDR: Inwiefern haben die Medien daran einen Anteil?

Margraf: Im Bezug auf das Coronavirus habe ich festgestellt, dass gerade die Qualitätsmedien gute Aufklärung betreiben. Wichtig ist dabei, dass die Fakten so kommuniziert werden, dass die Menschen sich darunter etwas vorstellen können. Schreibt eine Zeitung, dass die Sterblichkeitsrate von Covid-19 zehn- bis zwanzigmal höher ist als bei der Grippe, klingt das viel. Wenn sie schreibt, dass zwei von 100 Menschen daran sterben, schon nicht mehr so sehr.

Wie gefährlich ist das Coronavirus?

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WDR: Wie kommt es dazu, dass der Mensch manche Dinge mehr fürchtet als andere?

Margraf: Das hängt von drei Faktoren ab: Wir haben vor allem Angst vor unbekannten, unfreiwilligen und nicht alltäglichen Risiken. Bei der letzten Grippe-Epidemie sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Deutschland zwischen 20.000 und 25.000 Menschen gestorben. Am Coronavirus in Deutschland bisher noch niemand. Weil es aber ein neues Virus ist, fürchtet der Mensch sich.

WDR: Das könnte sich also Ihrer Meinung nach ändern?

Margraf: Wenn das Virus nicht ausgerottet wird, könnte es kommenden Herbst wiederkommen, und dann kennen wir es schon. Und in ein paar Jahren waschen wir uns dann bei einer Corona-Welle die Hände wieder weniger.

WDR: Sie haben gesagt, Sie haben überlegt, ob Sie genügend Lebensmittel für eine Quarantäne im Haus haben. Decken Sie sich vielleicht doch noch mit Lebensmitteldosen ein?

Margraf: Ich denke nicht. Das hängt aber auch damit zusammen, dass meine Frau und ich gerne kochen und immer einen Grundstock an Lebensmitteln im Haus haben.

Das Gespräch führte Jörn Kießler.

Stand: 04.03.2020, 06:00

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