Tag der Organspende: "Ich wollte die Niere meines Bruders eigentlich nicht"

Zwei Männer bekleidet mit Jacket und Krawatte stehen nebeneinander.

Tag der Organspende: "Ich wollte die Niere meines Bruders eigentlich nicht"

  • Gelsenkirchener erkrankt an Krebs in beiden Nieren
  • Organe müssen entfernt werden
  • Bruder spendet ihm eine seiner Nieren

Fünf Jahre ist es her, dass Said Chattibi eine Niere transplantiert bekam. Das Organ spendete sein Bruder dem heute 41-Jährigen aus Gelsenkirchen.

WDR: Herr Chattibi, wieso brauchten Sie eine neue Niere?

Said Chattibi: Im Jahr 2011 hatte ich ständig hohen Blutdruck, Kopfweh und zu hohe Kreatinwerte. Der Nephrologe, zu dem ich daraufhin ging, stellte fest, dass meine Nieren total vernarbt waren. Warum, konnte sich aber niemand erklären. Als Lösung blieb nur noch eine Transplantation.

WDR: Kamen sie daraufhin auf eine Warteliste?

Chattibi: Ja, allerdings sagte mein Bruder sofort, dass er mir eine Niere spenden wollte, weil man in Deutschland durchschnittlich acht bis neun Jahre auf ein Spenderorgan wartet. Ich wollte die Niere meines Bruders aber eigentlich nicht.

WDR: Warum?

Chattibi: Ich hatte ein ungutes Gefühl. Was, wenn er selbst krank wird und er seine zweite Niere braucht. Würde das passieren, könnte ich es mir nie verzeihen. Letztlich habe ich sein Angebot aber doch angenommen. Wenn auch erst zweieinhalb Jahre später.

WDR: Wieso so spät?

Chattibi: Kurz vor der Transplantation im Jahr 2012 stellten die Ärzte bei mir Krebs im Anfangsstadium in beiden Nieren fest. Sie mussten beide entfernt werden und mein Zustand wurde für zwei Jahre beobachtet. In dieser Zeit ging ich dreimal die Woche zur Dialyse, was mich nicht nur körperlich sehr belastete.

WDR: Was war der zweite Aspekt?

Chattibi: Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich krank bin. Ich war Mitte 30 und hing regelmäßig an einer Maschine, wie in einem Science-Fiction-Film. Die ersten drei Monate habe ich jedes Mal innerlich geweint. Doch dann habe ich mich entschieden, mich nicht aufzugeben.

WDR: Wie hat ihr Umfeld ihre Krankheit aufgenommen?

Chattibi: Die meisten wussten nichts davon. Ich habe auch während der Dialyse Vollzeit weitergearbeitet und lange niemandem – abgesehen von Familie und Freunden – davon erzählt. Meine Eltern kannten solche medizinischen Möglichkeiten nicht und die Situation belastete sie sehr. Als ich kurz vor der Transplantation auch meinen Kollegen davon erzählte, konnten es viele nicht glauben.

WDR: Ist ihre Lebensfreude wieder zurückgekommen?

Chattibi: Ja. Direkt nach der Transplantation habe ich mich besser gefühlt. Gegen Ende der Dialysezeit habe ich auch noch meine jetzige Frau kennengelernt. Wir haben zwei Kinder, unsere Tochter ist erst vor zehn Wochen geboren. Ohne die Spende meines Bruders wäre das alles nicht möglich.

WDR: Was raten sie Menschen, die bezüglich einer Organspende unentschlossen sind?

Chattibi: Ich denke, jeder sollte sich damit beschäftigen und das für sich klar entscheiden. Allerdings sehe ich das als Betroffener sicher anders, als Menschen, die mit dem Thema noch nichts zu tun hatten.

Ich mache deswegen auch niemandem einen Vorwurf. Und ganz ehrlich: Ich selbst besitze keinen Organspendeausweis, auch weil ich nicht weiß, ob ich als Empfänger überhaupt spenden dürfte.

Das Gespräch führte Jörn Kießler

Stand: 06.06.2020, 11:00

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