Das System Kinderschutz ist eingeschlafen

Junge streckt ausgestreckte Hand entgegen

Das System Kinderschutz ist eingeschlafen

Warum der Fall des sexuellen Missbrauchs von Lügde zeigt, wie das System Kinderschutz in NRW "eingeschlafen ist". Antworten auf diese und andere Fragen im 2. Teil unseres Interviews mit Ursula Enders von der Kölner Kontakt- und Informationsstelle Zartbitter e.V. gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen.

WDR: Wie bewerten Sie das Versagen des Jugendamtes im Fall Lügde?

Ursula Enders  von der Kölner Kontakt und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen

Ursula Enders

Enders: Ich kann mir vorstellen, dass es auf eine allgemeine unzureichende Qualifizierung der Jugendämter in der Arbeit zu sexuellem Missbrauch zurückzuführen ist. Das Land NRW hat es in den letzten 20 Jahren absolut verpasst, Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten. Ein großes Defizit der Jugendämter ist auch, dass sie in der Regel keine Schulungen haben zu den Strategien der Täter. Dann kann man auch die Hinweise der Opfer nicht verstehen.

Im Fall Lügde gibt der Landrat Fehler zu und entschuldigt sich WDR aktuell 19.03.2019 00:48 Min. Verfügbar bis 19.03.2020 WDR

WDR: Wer hat womöglich noch versagt?

Enders: Hier muss es auch ein breites Versagen der Kindertagesstätten und Schulen gegeben haben, die Hinweise der Kinder nicht wahrgenommen und entsprechend weitergegeben haben.

WDR: Was sagt dieser Fall aus über das System Kinderschutz?

Enders: In NRW haben die Landesregierung und auch alle Parteien es versäumt, Hilfe anzubieten. Ich habe 1987 die Expertise über Kindesmissbrauch und Jugendhilfe im Auftrag des Landes NRW geschrieben. Damals war NRW eines der ersten Länder, das sich damit beschäftigt hat. Danach ist alles eingeschlafen. Das Land fördert kaum Spezialberatungsstellen, an die sich Menschen mit einer Vermutung wenden können. Viele haben eine Scheu, damit zur Polizei oder zum Jugendamt zu gehen.

WDR: Hat der Raum Detmold eine besondere Bedeutung für den Fall?

Enders: Der Detmolder Raum ist eine Gegend, in der es immer schon ein erhöhtes Risiko organisierter Täterstrukturen gegeben hat, weil dort die Externsteine sind. Wir wissen, dass gerade Kinderpornoproduktionen verstärkt immer in Gegenden stattgefunden haben, in denen Satanisten und faschistische Gruppen ihre Rituale gehalten haben.

Nazis, Satanisten und die Externsteine

Die Externsteine im Lipperland sind nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen sondern haben auch eine schwierige Geschichte. Während der nationalsozialistischen Herrschaft bildeten die 13 Sandsteinfelsen ein "Spannungsfeld der nationalsozialistischen Germanenkunde", heißt es in der Sammlung des nordrhein-westfälischen Staatsarchivs Detmold. In der Neujahrsnacht 2017 stellten laut Bielefelder Polizei vermutlich Neonazis eine Holzsäule in Form eines heidnischen Symbols auf einen der Steine, angemalt in den Farben des Deutschen Reichs Schwarz, Weiß und Rot.

Satanisten, Esoteriker und Mittelalter-Fans feiern an den Externsteinen mythische Rituale oder Feste wie die Walpurgisnacht oder die Sommersonnenwende.

WDR: Es gibt den Verdacht, dass Eltern ihre Kinder dem mutmaßlichen Täter zugeführt haben.

Enders: Bei dieser Vielzahl von Opfern ist es nicht möglich, dass Eltern nicht in irgendeiner Weise – ob als aktive Mittäter oder Mitwisser – beteiligt sind.

WDR: Können Sie sich erklären, wie Eltern ihren Kindern so etwas antun können?

Enders: Es gibt Menschen, die keine Liebesfähigkeit und kein Mitempfinden haben und die selbst ihre eigenen Kinder nur für ihren Vorteil, oft materiellen Vorteil, verkaufen.

WDR: Haben Sie selbst schon Kontakt mit solchen Eltern gehabt?

Enders: Ja. Es sind oftmals Menschen, die einen sehr sympathischen Eindruck machen und sehr sensibel wirken. Sie haben gelernt, ihre Liebesunfähigkeit hinter einer Maske der  Freundlichkeit zu verstecken. Dass Menschen sich so verhalten, ist letztlich auch nicht mit eigenen Gewalterfahrungen zu entschuldigen. Denn es gibt ganz viele Missbrauchsopfer, die zu besonders sensiblen Menschen werden und sich deshalb in besonderem Maße für Kinder engagieren.

Lesen Sie im 1. Teil des Interviews: Was die Opfer aushalten müssen

Das Interview führte Frank Menke

Stand: 19.03.2019, 18:21

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