Sexueller Missbrauch: Was die Opfer aushalten müssen

Junge streckt ausgestreckte Hand entgegen

Sexueller Missbrauch: Was die Opfer aushalten müssen

Was müssen Opfer sexuellen Missbrauchs wie im Fall Lügde aushalten? Der WDR sprach mit Ursula Enders von der Kölner Kontakt- und Informationsstelle Zartbitter e.V. gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen.

WDR: Mit welchen Folgen müssen die Opfer leben?

Ursula Enders  von der Kölner Kontakt und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen

Ursula Enders

Ursula Enders: Inwieweit ein Kind eine Folgeproblematik entwickelt, hängt von den erlebten Handlungen ab, vor allem aber von den Reaktionen der Umwelt. Wird das Opfer vom Umfeld geschützt, können relativ viele Kinder die Erlebnisse verarbeiten. Bekommen die Opfer aber keine Hilfe, entwickeln viele Folgeproblematiken.

WDR: Welche Folgen sind das genau?

Enders: Zum Beispiel Todesängste, Schlafstörungen, psychosomatische Störungen oder massive Verhaltensauffälligkeiten. Viele Kinder sind auch nicht mehr in Kontakt mit den eigenen Gefühlen, andere haben regelrechte Kontrollverluste und rasten schon bei geringsten Belastungen aus.

WDR: Müssen diese Kinder psychologisch betreut werden oder können Familien die Verarbeitung des Missbrauchs auch alleine bewältigen?

Enders: Bei einem stabilen Umfeld reicht in einigen Fällen die Beratung der Eltern aus. Etwa 60 Prozent der Kinder aus einem stabilen Umfeld haben sogar ausreichende Selbstheilungskräfte. Dabei ist es aber notwendig, dass die Kontaktpersonen der Kinder eine ausreichende Beratung und intensive Anleitung bekommen, denn ihre psychische Belastung ist vergleichbar groß wie die der Kinder.

WDR: Ist es ein zusätzliches Problem, wenn wie im Fall Lügde die Opfer beim Missbrauch fotografiert oder gefilmt wurden?

Enders: Ja. Sie leiden häufig in besonderem Maße, weil die Bilder bestehen bleiben: einmal im Netz, immer im Netz. Da entwickeln sich besondere Schamgefühle. Die Opfer haben auch als Erwachsene immer noch die Sorge, dass sie irgendwann erkannt werden.

WDR: Kann man bei der Vielzahl der Missbrauchsfälle in Lügde davon ausgehen, dass mehrere Kinder gleichzeitig missbraucht wurden?

Enders: Ja. Besonderes Problem dabei: Die Kinder haben sich gegenseitig in ihren Handlungen beobachtet. Deshalb ist es für sie besonders schwierig, darüber zu sprechen, weil sie sich nicht gegenseitig verraten wollen.

Im Fall Lügde gibt der Landrat Fehler zu und entschuldigt sich WDR aktuell 19.03.2019 00:48 Min. Verfügbar bis 19.03.2020 WDR

WDR: Scheibchenweise kommen immer neue Details des Versagens der Behörden ans Tageslicht. Was bewirkt das bei den Opfern und deren Familien?

Enders: Das verstärkt die Ohnmachtsgefühle. Sie haben das Gefühl, in dieser Gesellschaft und diesem Staat schutzlos zu sein. Das erschwert den Heilungsprozess.

Lesen Sie im 2. Teil des Interviews: Das System Kinderschutz ist eingeschlafen

Das Interview führte Frank Menke

Stand: 19.03.2019, 18:21

Kommentare zum Thema

Noch keine Kommentare

Aktuelle TV-Sendungen