Proteste im Iran: "Verzweiflung, Mut und Tapferkeit"

Demonstranten in Teheran

Proteste im Iran: "Verzweiflung, Mut und Tapferkeit"

  • Passagierflugzeug von Revolutionsgarden abgeschossen
  • Tausende demonstrieren im Iran gegen die Machthaber
  • Schriftststeller Navid Kermani zur Lage im Iran

Nachdem der Iran die Verantwortung für den Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs bei Teheran übernommen hat, demonstrieren Tausende im Land gegen die Machthaber. Navid Kermani, Schriftsteller mit iranischen Wurzeln, gibt im WDR2-Interview eine Einschätzung zur Lage im Iran.

WDR: Als Auslöser der Proteste gilt der versehentliche Abschuss des Flugzeugs aus der Ukraine, in dem auch iranische Bürger saßen. Und dass die Machthaber über die Hintergründe zunächst gelogen haben. Ist das alles, was dahintersteckt?

Navid Kermani: Nein! Der ganze Frust vieler iranischer Menschen bricht sich da Bahn. Es geht um diese Unfähigkeit der Behörden, das Leben im Iran halbwegs angemessen zu regulieren. Man hat ja nicht einmal den Flughafen (in Teheran, die Red.) gesperrt, obwohl man wusste, dass es Gegenschläge geben könnte.

Proteste im Iran: "Frust vieler Menschen bricht sich Bahn"

WDR 2 13.01.2020 05:06 Min. Verfügbar bis 12.01.2021 WDR Online

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WDR: Es gab vor einigen Monaten schon Aufstände, die blutig niedergeschlagen wurden. Warum riskieren die Demonstranten das aktuell?

Kermani: Ich kann das von hier aus nur bewundern und Ihnen nicht genau erklären. Ich weiß, wie gefährlich das im Iran ist und speziell seit 2009, seit der Niederschlagung der großen Protestbewegung. Insofern ist es nicht anders zu erklären als mit Verzweiflung, Mut und Tapferkeit.

WDR: Es sind wohl vor allem Studenten und Intellektuelle, die da auf die Straße gehen. Trägt die Mehrheit der iranischen Bevölkerung diesen Protest mit?

Kermani: Der Frust ist überall. Ich habe die Tochter des ehemaligen Präsidenten Rafsanjani gehört. Die hat Khamenei (oberster geistlicher Führer des Iran, die Red.) mehr oder weniger direkt zum Rücktritt aufgefordert. Sie war hoch erregt. Bis in diese Kreise hinein ist der Unmut, die Wut, der Zorn da.

Es gab immer wieder solche Wellen des Protestes. Und je öfter das passiert, desto schneller werden die auch niedergeschlagen. Denn wenn sich das ausbreitet wie 2009, sind es Millionen, die auf die Straße gehen.

WDR: US-Präsident Trump hat sich auf Twitter mit den Demonstranten solidarisiert. Hat er durch den Flugzeugabschuss das bekommen, was er will, dass sich die Bevölkerung gegen das Regime stellt?

Kermani: Sie tut das nicht wegen Donald Trump. Die Iraner haben nicht vergessen, dass er sich in der Vergangenheit wirklich verächtlich über die Iraner als Volk geäußert hat, dass er vor wenigen Tagen noch mit der Zerstörung von historischen Kulturstätten im Iran gedroht hat. Die amerikanische Politik im Nahen Osten wird ja nicht besser, je schlimmer die iranische Politik ist.

Anmerkung der Redaktion: Die schriftliche Form des Interviews wurde gekürzt und sprachlich angepasst. Der Inhalt der Fragen und Antworten bleibt davon unberührt.

Stand: 13.01.2020, 18:00

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