Missbrauch in katholischer Kirche: Ein Opfer erzählt

Opfer von Missbrauch: Porträt von Patrick Bauer

Missbrauch in katholischer Kirche: Ein Opfer erzählt

  • Studie zu Missbrauch in der katholischen Kirche wird Dienstag (25.9.2018) offiziell vorgestellt
  • Erfasst wird nur ein Teil - Orden etwa bleiben unerwähnt
  • Missbrauchsopfer Patrick Bauer vom Bonner Aloisiuskolleg

WDR: Ihr Missbrauch zählt nicht zu der aktuellen Studie, die von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragt wurde. Warum nicht?

Patrick Bauer: Ich war auf einer Jesuitenschule. Die Jesuiten sind katholisch, aber sie gehören nicht zu der Zahl der jetzt aufgeführten 3.677 dazu, weil sie ein Orden päpstlichen Rechts sind. Das heißt sie unterstehen in Rechtsprechung, in Anweisung, in Gehorsam ausschließlich dem Papst und keinem deutschen Bischof.

WDR: Sie gehen von einer weitaus höheren Zahl an Missbrauchsopfern der katholischen Kirche aus. Warum?

Bauer: Es fehlen die 300-400 Leute, die auf meinem Internat in Bonn von Jesuiten missbraucht worden sind, es fehlen die Leute in den ganzen anderen päpstlichen Orden, es fehlen die Leute aus den Nonnenklöstern.

Und auf jeden, der sich traut, etwas zu sagen, kommen nach meiner Erfahrung vier bis fünf, die sich nicht trauen. Mir selbst fallen aus meinem Jahrgang vier Leute ein, die sich bis heute nicht gemeldet haben und von denen ich weiß, dass sie missbraucht worden sind.

WDR: Was ist Ihnen konkret passiert? Können Sie heute darüber sprechen?

Bauer: Wir mussten uns hauptsächlich exhibitionistisch verhalten, mussten nackt durch die Gegend laufen oder wurden fotografiert.

WDR: Wie haben diese Vorfälle Ihr Leben beeinflusst?

Bauer: Zwei Therapien, eine gescheiterte Ehe, in der ich nicht darüber reden konnte. Mein Verhältnis zu meinen Eltern ist dadurch mehr oder weniger gebrochen, und ich habe in mir oft eine große Unsicherheit.

WDR: Welche Besonderheiten der katholischen Kirche haben die Taten und ihre Vertuschung Ihrer Meinung nach begünstigt?

Bauer: In der Kirche gibt es sogenannte Machtinseln. Der Bischof ist ganz allein für sein Bistum verantwortlich. Er hat die absolute Macht. Ein Pfarrer hat in seiner Gemeinde die absolute Macht. Genau so war es im Internat. Jeder hatte einen Zuständigkeitsbereich und in diesen hat kein anderer reingefunkt. 

WDR: Wie geht es Ihnen heute?

Bauer: Ich muss mein Leben lang mit Angstzuständen leben, ich muss mein Leben lang mit Depressionen leben. Ich habe lebenslänglich. Was hat der Täter?

WDR: Warum arbeiten Sie trotz ihrer Erfahrung als Krankenhausseelsorger für das Erzbistum Köln?

Bauer: Ich wurde von einem Mann missbraucht, der diese Kirche missbraucht hat. Ich wurde nicht von der Kirche missbraucht. Die Kirche hat Strukturen, die diese Täter schützen. Diese Strukturen müssen aufgebrochen werden.

Insgesamt sind im Namen der Kirche schlimme und gute Dinge getan worden und die guten überwiegen. 95 Prozent der Priester haben nicht missbraucht.

Das Interview führte Cosima Gill.

Stand: 24.09.2018, 06:00

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